Monumente Online

Ausgabe: August 2009

Deutsche Stiftung Denkmalschutz

Schwerpunkt: Aktivitäten der Deutschen Stiftung Denkmalschutz

(c) Roland Rossner / (c) Roland Rossner Kleine Kulturgeschichte

Meilensteine der Demokratie

Über den Umgang mit jungen Denkmalen

Die gute Stube der Stadt ist in die Jahre gekommen. Es wird darüber nachgedacht, sie vollkommen umzugestalten, obwohl es sich um eines der wenigen international gewürdigten Gesamtkunstwerke der Nachkriegszeit in Deutschland handelt. Manche sprechen gar von Abriss. Das Denkmal genüge einfach nicht mehr den technischen und zeitgemäßen Anforderungen an ein Haus, in dem getagt und gefeiert wird. Auch die Akustik müsse verbessert werden, heißt es.

Diese Geschichte könnte in Bonn spielen, wo sich derzeit die meisten Stadtverordneten für den Neubau eines Festspielhauses aussprechen und die Beethovenhalle dafür opfern möchten. Oder in Hannover, wo der Plenarsaaltrakt des Landtags zur Disposition steht. Sie spielt jedoch im Köln der 1980er Jahre, als der Gürzenich modernisiert werden sollte.

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© R. Rossner
Der Niedersächsische Landtag in Hannover Großbildansicht

Die Ursprünge dieses traditionsreichen Fest- und Handelshauses inmitten der Kölner Altstadt gehen auf das 15. Jahrhundert zurück. Das Innere des Gürzenich wurde 1943 durch Bomben zerstört, schon bald nach dem Ende des Krieges schrieb die Stadt einen Wettbewerb für den Wiederaufbau aus, den die Architekten Rudolf Schwarz und Karl Band gewannen. Das Geniale an ihrem von 1952-55 realisierten Entwurf war die Einbeziehung der Kirchenruine von St. Alban. Sie bildet den nördlichen Abschluss des Denkmal-Ensembles und ist durch einen Neubau, der das lichtdurchflutete zweigeschossige Foyer aufnimmt, mit dem historischen Gürzenich verbunden.

30 Jahre später zeigten sich an den Fassaden starke Schäden, und auch die Funktionsräume entsprachen nicht mehr den aktuellen Bedürfnissen. Nachdem das Gürzenich-Orchester 1986 in die neu errichtete Kölner Philharmonie umgezogen war, sollte das Innere entkernt werden. Es begann ein langjähriges Ringen zwischen der Stadt als Eigentümerin, den Betreibern und den Denkmalpflegern.

MODERNISIERUNG JA – ABRISS NEIN

Man entschied sich schließlich für eine sensible Sanierung. Der Gürzenich wurde 1996-97 nach den Plänen des Architekturbüros KSP durch zwei Anbauten ergänzt, wobei die Architektursprache von Rudolf Schwarz und Karl Band sowie die künstlerische Aussage der Innenräume weitestgehend erhalten blieben.

Rudolf Schwarz hat sich auch durch den Wiederaufbau der 1944 ausgebrannten Frankfurter Paulskirche einen Namen gemacht hat. Er war außerdem maßgeblich am Kirchenbau der 1950er Jahre und - zusammen mit den Architekten Karl Band, Hans Schilling, Wilhelm Riphahn und anderen - am Aufbau der Kölner Innenstadt beteiligt, die im Zweiten Weltkrieg zu 80 Prozent zerstört worden war.

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© M. Zimmermann
Dieter Oesterlen gab dem historischen Leineschloss in Hannover die Symmetrie wieder. Denn der Schlossflügel, auf dem der Plenarsaaltrakt steht, war Mitte des 19. Jahrhunderts abgerissen und nicht ersetzt worden. Großbildansicht

Im Nachkriegsdeutschland fehlte es vor allem an Wohnraum, und so wurden in dieser Zeit vielerorts monotone Siedlungen errichtet. Es entstanden aber auch herausragende Bauten, die heute wegen ihrer besonderen Ästhetik und als Ausdruck einer erwachenden Demokratie unter Denkmalschutz stehen. Dazu zählen in Köln neben dem Gürzenich das Blaugoldhaus am Domplatz oder der Spanische Bau des Rathauses. Vor allem die Baudetails - fein gegliederte Fassaden, geschwungene Treppen und Handläufe, lichtdurchflutete Eingangshallen, Fenster- und Bodenmosaike, kunstvoll verzierte Türgriffe - geben den Gebäuden aus den 1950er Jahren ein unverwechselbares Gesicht.

Die Innenstadt von Hannover wurde im Zweiten Weltkrieg ebenfalls stark beschädigt. Den Wiederaufbau leitete der Architekt Dieter Oesterlen. Seine Umgestaltung des Leineschlosses zum Niedersächsischen Landtag findet bis heute internationale Beachtung. Dennoch soll der Plenarsaaltrakt, den Oesterlen sensibel in das historische Ensemble eingefügt und ihm somit die Symmetrie zurückgegeben hat, nach dem Willen die Mehrheit der Landtagsabgeordneten abgerissen werden.

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Der Lichthof des Landtags in Hannover muss saniert werden. Großbildansicht

Es liegt auf der Hand, dass öffentliche Gebäude von Zeit zu Zeit aktuellen technischen und energetischen Bedürfnissen sowie den Brandschutz-Vorschriften angepasst werden müssen. Der Trend geht jedoch im Augenblick in die Richtung, sie nicht zu modernisieren, sondern sie gleich einem "schicken" Neubau zu opfern. Den Eigentümern ist dabei meist egal, ob es sich um ein eingetragenes Denkmal handelt.

Nicht nur Denkmalpfleger beobachten das mit großer Sorge. Bei einer Umfrage der Berliner Morgenpost stimmten 82 Prozent der Leser gegen den geplanten Abriss der Deutschlandhalle, die 1935 anlässlich der Olympischen Spiele von Franz Orthmann und Fritz Wiemer für 10.000 Zuschauer errichtet worden war. Auch der vorgesehene Eingriff in den Stuttgarter Bahnhof, bei dem die beiden Seitenflügel fallen und den von Paul Bonatz 1928 errichteten Bau als Torso zurücklassen sollen, löste einen Proteststurm aus.

Professor Dr. Jörg Haspel, Berliner Landeskonservator und Vorstandsmitglied der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, erwartet mehr Phantasie und denkmalpolitischen Mut, um Denkmale zu erhalten, die gerade nicht dem aktuellen Geschmack oder persönlichen Vorlieben entsprechen. "Auch Mut zum Abwarten lohnt sich - das können wir in Berlin gerade am Beispiel von Nachkriegsdenkmalen wie dem Studentendorf Schlachtensee demonstrieren. Zunächst vom Abriss bedroht, werden sie mittlerweile allgemein geschätzt. Der Geduld und Verlässlichkeit der Verantwortlichen ist es zu verdanken, dass dieses junge Erbe erhalten blieb und zum Gewinn aller umgenutzt werden konnte. Wer ein Denkmal abreißt, vernichtet hingegen materielle und ideelle Werte, und zwar unwiederbringlich."

Das finden auch zahlreiche Bürger Hannovers: Sie möchten, dass der Plenarsaaltrakt des Niedersächsischen Landtags erhalten bleibt. Das Ortskuratorium der Deutschen Stiftung Denkmalschutz konnte in kürzester Zeit 5.000 Unterschriften gegen den Abriss sammeln.

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Durch die Decke fällt nur spärliches Licht in den Plenarsaal des Niedersächsischen Landtags. Die Abgeordneten möchten daher einen Neubau. Großbildansicht

Wie Rudolf Schwarz und Karl Band in Köln hatte sich der Architekt Dieter Oesterlen beim Niedersächsischen Landtag für einen Dialog aus Alt und Neu entschieden. Für ihn war wichtig, die Würde des Baudenkmals zu bewahren und das Neue in der Formensprache der 1950er Jahre "so hinzuzufügen, dass der Bau zu einem neuen Ganzen zusammenwächst, dass sich weder das Alte vor dem Neuen, noch das Neue vor dem Alten verleugnet, dass das Haus die Atmosphäre eines Repräsentationsbaues unserer jüngsten Demokratie in sich trägt und auch nach außen hin ausstrahlt".

Oesterlen hat für den Plenarsaal bewusst keine Fenster vorgesehen, damit die Abgeordneten sich ganz auf ihre Arbeit konzentrieren konnten. Die Klausuratmosphäre ist nun ein Argument für den Abriss. Bei einer hitzig geführten Landtagsdebatte im Februar 2009 fiel sogar das Wort Käfighaltung. Wobei die Abgeordneten im Schnitt an nur drei Tagen im Monat dort zusammenkommen. Beklagt wird auch, dass die Klimaanlage zu schwach, die Technik veraltet und die Bereiche für die Besucher sowie für die Vertreter der Presse unzumutbar seien ­- durchaus verständliche Argumente. Muss jedoch ein Gebäude, das seit 1983 unter Denkmalschutz steht, deshalb abgerissen werden?

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Die dem Plenarsaal angrenzende Lobby ist lichtdurchflutet. Großbildansicht
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