Die Wahl fällt schwer, denn in der Jesus-Bäckerei sieht alles lecker aus. Lutz Hohle entscheidet sich für helle Brötchen und eine Kokosmakrone zum späten Frühstück. Er verlässt den kleinen Eckladen in der Görlitzer Altstadt am Nikolaigraben und steigt auf sein Fahrrad, das er vor dem Bildstock nebenan geparkt hat. Hier hält jedes Jahr am Karfreitag die Gemeinde auf der Prozession zum Heiligen Grab. Bildstock und Bäckerei sind eine Station des Passionswegs Christi, der in der nahegelegenen Peterskirche beginnt. Der Bäckermeister spendet den Gläubigen Salzbrot zur Wegzehrung. Lutz Hohle ist nicht religiös, aber er schätzt das Hausgebackene und die familiäre Atmosphäre. Für ihn ist die Jesus-Bäckerei eine "coole Entdeckung" in einer Stadt voller Altertümer, etwas Kurioses, das er im ehrwürdigen Görlitz nicht erwartet hätte. Er radelt zurück ins Gründerzeitviertel, in die Hartmannstraße 1a, wo er zur Probe wohnt.
Schau doch mal rein!
Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz unterstützt das Wohnen zur Probe in Görlitz
Hohle ist einer von 576 Interessenten aus Deutschland, Polen, der Schweiz und sogar aus Chile, die sich darum beworben haben, gratis eine Woche Görlitzer Innenstadtluft zu schnuppern: in einer restaurierten, modern eingerichteten "Dreiraumwohnung", immer von Sonntag bis Sonntag. Dieses Angebot des Görlitz Kompetenzzentrums Revitalisierender Städtebau der Technischen Universität Dresden und der örtlichen Wohnungsbaugesellschaft wird vom Bundesbauministerium gefördert. Das Modell zielt darauf ab, Vorurteile vor allem ostdeutscher Bürger gegenüber der historischen Altstadt und den Gründerzeithäusern abzubauen und die von Leerstand geplagten Viertel zu beleben.
Der 33-jährige Hohle, den ein Radiobericht über die Testwoche hierherlockte, wohnt in der Stadt Brandenburg. Görlitz ist ihm nicht fremd. Er wurde hier geboren und verbrachte die ersten acht Lebensjahre an der Neiße. Das in seiner Erinnerung grau-in-graue Stadtbild erkannte er kaum wieder wie viele, die nach langer Abwesenheit zurückkehren. Unter- und Obermarkt, Peter- und Brüderstraße sind nahezu vollständig restauriert und wirken durch ihre Farben freundlich und einladend. Touristen streifen bei gutem Wetter in Scharen durch die Stadt und nehmen an kostenlosen Führungen teil.
Alarmierende Ruhe
Viel Geld - auch von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz - floss in die Restaurierung des Kulturgutes dieser östlichsten deutschen Stadt. Mit nahezu 4.000 Baudenkmalen aus allen Epochen kann sich Görlitz mit einem ungeheuren baulichen Reichtum schmücken. Die Besucher bewundern das Äußere, freuen sich an der Kulisse, aber sie dringen nicht bis in ihre Seele vor, denn sie verlassen die Stadt nach wenigen Tagen wieder. Viele Görlitzer leben lieber außerhalb des Zentrums in Plattenbau-Siedlungen wie Königshufen. In den bürgerlichen Wohnvierteln des 19. Jahrhunderts ist es werktags und am Wochenende, morgens, mittags und abends still. Ein Drittel der Wohnungen steht leer, Erdgeschossläden warten darauf, dass hier Caféhausbetreiber oder Einzelhändler einziehen - eine alarmierende Ruhe. Die Quartiere im Südwesten haben den Ruf, dicht bebaut, dunkel, eng und laut zu sein, ohne Ausblick auf die Schönheiten der Stadt oder ins Grüne. Außerdem fürchten viele die berüchtigten Kohleheizungen, hohe Decken, in denen es im Winter kalt bleibt und sich im Sommer die stickige Luft staut, und vor allem die Toiletten auf halber Treppe. Dies sind Szenarien längst vergangener DDR-Zeiten, die sich tief in die Köpfe der Menschen eingegraben haben.
Gerhard und Beate Michna sind aus dem rund 1.800 Einwohner zählenden Luftkurort Jonsdorf im Zittauer Gebirge gekommen, um in Görlitz zur Probe zu wohnen. Sie tragen sich seit zwei Jahren mit dem Gedanken, ihr Eigenheim und das 1.500 Quadratmeter große Grundstück zu verlassen. Vor dreißig Jahren haben sie es in vier harten Jahren selbst errichtet. Nun wird ihnen die Arbeit dort zu viel, und sie brauchen den Platz nicht mehr. Sie brauchen jetzt Ärzte. Gerhard Michna hat mehrere Bypass-Operationen hinter sich. Er ist darauf angewiesen, dass ihn regelmäßig Spezialisten untersuchen. Die fand der 69-jährige Rentner in Görlitz. Er muss aber jedes Mal über Zittau, Hirschfelde und Ostritz anreisen. Seine Frau Beate, die nach der Wende zur Fußpflegerin umschulte und nun selbständig arbeitet, lernte in Görlitz bei der Post. 1963 sah die Stadt noch schön aus, und daran erinnert sie sich gern. Aber für die beiden ist "auf Probe" alles ungewohnt in Görlitz. Sie fühlen sich nicht recht wohl in ihrer Haut, als sie in den knallroten Sesseln sitzen und zum Fenster in die Löbaustraße hinausblicken: "Mich bedrückt die Aussicht aus der Wohnung, kein Stück Himmel und kein Streifen Grün", sagt sie.
"Das Leben ist anders"
Dann nehmen sie zum ersten Mal nach dreißig Jahren die Straßenbahn, lassen ihr Auto vor der Haustür stehen, amüsieren sich ein bisschen, denn sie wissen nicht, wie sie an Fahrkarten kommen sollen. Man hilft ihnen weiter, und die zwei bekommen ein Gefühl dafür, wie mobil sie bleiben können, auch wenn sie in ein paar Jahren vielleicht kein Auto mehr fahren.
Sonnenschein lockt die Michnas immer wieder nach draußen, und im Laufe der Woche tun sie das, was in Jonsdorf nicht möglich ist: Sie besuchen eine Kirche nach der anderen, zunächst die beherrschende Peterskirche auf dem Burgberg über der Neiße, die Jacobuskirche, die Nikolaikirche und schließlich zu Fuß die Lutherkirche in ihrem Wohnquartier. Die Pracht im Inneren des neugotischen Zentralbaus macht die zwei schweigsam. Sie bestaunen den Schmuck der Wände und Gewölberippen, Ornamentbänder mit Weinlaub und Getreideähren, Lilien, Heckenrosen und Tulpen, Eichenlaub und Palmenzweige. Das Gefallenen-Gedenkbuch trägt auf dem holzgeschnitzten Einbanddeckel die Lutherrose. Ihre Augen gehen über von der Schmuckvielfalt, dem Gold und den rot glühenden Farbfenstern. Und immer noch bleibt viel zu entdecken: In die Synagoge haben es die Michnas bisher nicht geschafft, auch nicht in die Ratsapotheke oder in den Schönhof.
Das Leben in der Stadt ist anders. Daran muss man sich erst gewöhnen. Werbeplakate und gute Worte nutzen aber nicht viel. Die Menschen müssen selbst die Unterschiede spüren. Deshalb können sie in Görlitz Probe wohnen.
Im Mai 2007 verabschiedeten die EU-Minister für Stadt- und Raumentwicklung die Charta von Leipzig und forderten darin eine "Renaissance der Städte": Die Stadt muss schön sein. Baukultur ist kein Luxus, sondern Notwendigkeit. Sie gibt Impulse für Wachstum. In Zeiten, in denen es überall alles gibt, werden ortsabhängige Qualitäten, eben das Nicht-Austauschbare wie die Görlitzer Baukunst, besonders wichtig.







Ihr Kommentar
Kommentare anderer Leser
Name: Isis D.Weigand 19.10.2009
Für die so einfühlsam und liebevoll restaurierte Innenstadt von Görlitz möchte ich der Stadt viele neue Einwohner und Arbeitsmöglichkeiten wünschen. Es ist anrührend, wie sie die Bausubstanz wieder wohnlich machten und erhalten haben, statt abzureißen. Weiter viel Erfolg!
Name: Renate und Reinhard Germann 26.04.2010
Sehr geehrte Damen und Herren,
erst vor kurzem bin ich auf den interessanten Artikel "Schau doch mal rein! Probewohnen in Görlitz" auf Ihrer Website aufmerksam geworden.
Mein Mann und ich sind für dieses Projekt ausgewählt worden, eine Woche lang in einem schmucken Gründerzeithaus zu wohnen. Nach unserer Rückkehr am 22. Februar 2010 war das Interesse in der Öffentlichkeit so gross, dass wir unsere Erfahrungen und Eindrücke diesbezüglich auf unserer Website Probewohneningoerlitz.allesimklick.de publiziert haben.
Wir denken, dass unser Bericht auch Ihre Leser interessieren könnte, nachdem Sie durch Ihren Artikel die Neugier Ihrer Leser bereits geweckt haben.
Mit freundlichen Grüssen Renate und Reinhard Germann
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