Monumente Online

Ausgabe: Juni 2009

Deutsche Stiftung Denkmalschutz

Schwerpunkt: Handwerkskunst und Serienproduktion

 (c) Barbara Staubach / (c) E. Lixenfeld Leitartikel

"Fasse dich kurz!"

Vor 90 Jahren forderte das Bauhaus Revolution - statt Dekoration

Fasse dich kurz!", prangt in großen roten Buchstaben über dem Schreibtisch ihres zukünftigen Chefs im Frankfurter Rathaus. Die junge Wienerin Margarete Lihotzky erschrickt über diesen Spruch, als sie im Januar 1926 die Klinke zum Büro des Baudezernenten Ernst May herunterdrückt und beherzt eintritt. In diesem Augenblick kann Lihotzky noch nicht ahnen, dass ihr fast 103 Lebensjahre geschenkt würden und sie in hohem Alter als Erfinderin der Frankfurter Küche und erste Architektin Österreichs gewürdigt werden sollte.

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Frankfurt am Main, die unter Denkmalschutz stehende May-Siedlung in der Römerstadt. Großbildansicht
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May, ein Hüne mit kräftigem Händedruck, ist mit Anfang vierzig mehr als zehn Jahre älter als sie und hat sich als Stadtplaner in Breslau längst einen Namen gemacht. Durch einen Zufall hatte May die Entwürfe der Studentin für Einbaumöbel wenige Jahre zuvor in ihrem Wiener Atelier gesehen und sofort gewusst, dass er diese sozial engagierte junge Frau mit dem Bubikopf für das größte Wohnungsbauprojekt brauchte, das die Stadt Frankfurt je gesehen hatte: Die Avantgarde der Architekten sollte unter Mays Leitung Wohnungen und Häuser bauen, und zwar schnell, schön, praktisch, citynah und im Grünen gelegen, dazu billig - denn sie bauten für die Stadt. May bot Lihotzky das Dreifache dessen, was sie sich an Gehalt vorstellte. Ein Traum für die Wienerin, die nur einen Berufswunsch kannte: Sie wollte als Architektin arbeiten, wollte bauen. Doch eine Frau auf der Baustelle - das gab es bis dahin nicht.

Oberbürgermeister Landmann greift durch

Gleich um die Ecke von Mays Dezernat lag die größte gotische Altstadt Deutschlands, von der damals niemand ahnte, dass sie als Folge des Wahlergebnisses vom 30. Januar 1933 nur wenige Jahre später vollständig im Feuersturm untergehen würde. In dieser Fachwerkaltstadt konnten die Architekten - Lihotzky war die einzige Architektin im Hochbauamt - tagtäglich die Bedingungen erleben, unter denen arme Menschen in der Großstadt lebten, während die Einkaufsmeile Zeil mit prachtvollen Kaufhäusern lockte. Für May war klar, dass die Sanierung der Altstadt warten musste, denn die Liste der Wohnungssuchenden wurde täglich länger. Für die wenigsten Arbeiterfamilien gab es in den völlig überbelegten Mietsblöcken ein Bad. In Stadtteilen wir Bornheim und Bockenheim konnte man sich für zehn Pfennig in öffentlichen Brausebädern duschen. Die Geldbeutel waren leer, der Arbeitstag lang und schwer, und der Schock über den verlorenen Weltkrieg saß allen in den Knochen. Manch avantgardistischer Architekt würde heute irritiert fragen: Und - was soll ich dagegen tun?

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Das ernst-may-haus ist ein Reihenhaus, das die ernst-may-gesellschaft e.v. mit Hilfe der Deutschen Stiftung Denkmalschutz in den Zustand von 1926 rückbaut. Großbildansicht

Vieles, hätte ihm Mays Chef, der tatkräftige Oberbürgermeister Ludwig Landmann, geantwortet, denn wer in Mietskasernen ohne Licht, Luft und sauberes Wasser haust, wird krank und kann seine Kraft nicht mehr in unserer jungen demokratischen Republik einsetzen. Man bedenke die hoffnungsvollen Anfänge der Zwanziger Jahre: Nach dem verlorenen Krieg wurde im November 1918 die Weimarer Republik ausgerufen, der letzte Kaiser dankte ab und beendete das Zeitalter der Monarchie in Deutschland. Während der Adelsstand 1918 abgeschafft wurde, erhielt endlich auch die zweite Hälfte der Bevölkerung das Wahlrecht: 1919 durften Frauen zum ersten Mal auf nationaler Ebene wählen. Der Oberbürgermeister der wachsenden Großstadt modernisierte seine Stadtverwaltung, denn nicht zuletzt brauchte er städtische Architekten, die sich selbst um ihre Baustellen kümmerten. Weil es galt, keinen Tag zu verlieren, sorgte Landmann pragmatisch dafür, dass May sich seine Mitarbeiter aussuchen durfte und die Informations- und Verantwortungskette von oben nach unten so kurz wie möglich war.

Der Mythos Bauhaus strahlt von Dessau auf Europa aus

Die Namen der fast 40 Architekten, die unter May für die Stadt bauten, lesen sich heute wie ein Who-is-Who der Avantgarde des 20. Jahrhunderts: Martin Elsaesser, Ferdinand Kramer, Walter Gropius, Mart Stam, Adolf Meyer, Herbert Boehm, Hans Leistikow, Eugen Kaufmann, Eugen Blank, Margarete Lihotzky und viele mehr. Rückblickend erfüllten sie in nur fünf Jahren mehr als das Soll: Mays Dezernat baute mehr als 12.000 Wohnungen und Häuser - und zwar allesamt als Gartenstädte im Grünen an das Frankfurter Zentrum angebunden, jede Wohnung mit Bad, Küche und fließendem Wasser ausgestattet, wobei außerdem die Siedlung Römerstadt die erste voll elektrifizierte Siedlung in Deutschland war.

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UNESCO-Welterbe in Dessau: Eines der wiederhergestellten Meisterhäuser von Walter Gropius Großbildansicht

Die unter May entstandenen 20 Siedlungen mitsamt Schulen, Krankenhäusern, Kindergärten und Kirchen wären nicht denkbar ohne zwei Denkmodelle: zum einen das Konzept der englischen Gartenstädte, und zum anderen das Konzept der Typisierung, des Bauens in Serien - was heute selbstverständlich ist. Beides war Margarete Lihotzky durch die großen Wiener Siedlungsprogramme bestens vertraut. In Deutschland war der Gedanke, die Gestalt der Alltagsdinge zu vereinfachen und damit den Herstellungsprozess zu reduzieren, und Lampen, Möbel, Besteck, Geschirr, Klinken, ja ganze Häuser in Serie industriell herzustellen, am Bauhaus in Dessau wie in einem Schmelztiegel zusammengekommen. Das Bauhaus selbst existierte zwar als staatliche Ausbildungsstätte kaum zwölf Jahre, zunächst in Weimar, dann in Dessau und zuletzt in Berlin, traf jedoch mit seinem publizierten Manifest bei der Gründung im Jahr 1919 durch Walter Gropius genau den Nerv der jungen Generation nach dem Krieg und zugleich den herrschenden Bedarf der Gesellschaft - und zwar länderübergreifend, europaweit.

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Die Fassade des Dessauer Bauhausgebäudes Großbildansicht

Die damaligen Künstlerinnen und Künstler, Architekten und Maler spannten durch langjährige Verbindungen von Lehrern und Schülern ein Netz von Bauhäuslern, Mitgliedern des Deutschen Werkbundes und anderer Vereinigungen, die eines gemeinsam hatten: das leidenschaftliche Bedürfnis, besser, zeitgemäßer, menschlicher zu bauen. Die Kontakte bündelten sich in den Hochschulsstädten, drangen von Dessau nach Berlin, Wien, Amsterdam, Köln und Frankfurt am Main. May, Gropius und Kollegen trafen sich auf Tagungen, lobten gemeinsam in Preisgerichten Entwürfe aus und sorgten vor allem dafür, dass ihre Konzepte, Ideen und Reden publiziert wurden und dadurch Breitenwirkung erfuhren. Denn was nützt die spektakulärste Architektur, wenn sie nicht bildtauglich ist? Vor allem, wenn es gilt, Politiker zu überzeugen. May gab selbst seit 1926 die Zeitschrift "Das Neue Frankfurt" heraus, in der die progressiven Wohnideen mit allen Vorteilen erklärt und gleichsam die Bedienungsanleitungen für das Wohnen und Kochen in einer winzigen Küche mitgeliefert wurden. In diesem hauseigenen Sprachrohr publizierte May die Bauhaus-Siedlung in Dessau-Törten von Walter Gropius ebenso wie die Siedlung Am Lindenbaum, die Gropius ab 1930 in Frankfurt-Eschersheim baute.

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