Dank der neuen Produktionsmethoden, die nicht nur flachere, sondern auch zunehmend größere Scheiben ermöglichten, wurde der Spiegel als Teil der Inneneinrichtung immer wichtiger. Schon Katharina von Medici soll im ausgehenden 16. Jahrhundert ein Kabinett besessen haben, bei dem 119 Spiegel in die Wandvertäfelung eingelassen waren. Man integrierte Spiegel in Möbelstücke und fasste Wand- oder Tischspiegel in kunstvoll gestaltete Rahmen aus edlen Materialien wie Gold, Silber, Schildpatt oder Elfenbein. Allerdings hatte der Zierrat nicht selten einen moralischen Beigeschmack: Tugendsymbole oder Sinnsprüche warnten vor Eitelkeit.
Der Zauber des Widerscheins
Seine Blütezeit erlebte der Spiegel als Teil der Raumgestaltung im Barock. Allerorten wurden Schlösser verschwenderisch mit Spiegeln ausgestattet: Wer mächtig und reich war, sonnte sich im Glanz des Materials und spielte mit der illusionistischen Steigerung der Pracht. Keiner beherrschte dies so wie Ludwig XIV. von Frankreich. Seine 1678-1686 errichtete Galerie des Glaces im Schloss von Versailles ließ der Sonnenkönig mit 300 Spiegeln auskleiden. Diese erste Spiegelgalerie wurde in ganz Europa kopiert und sollte doch die berühmteste bleiben.
Um 1700 siedelten sich auch in Deutschland Manufakturen an, in denen Spiegel nach dem französischen Verfahren hergestellt wurden. Eine der frühesten wurde 1698 von Lothar Franz von Schönborn in Lohr am Main gegründet - französische Schleifer hatten die Gussglastechnik nach Franken gebracht. Die Kurmainzische Spiegelmanufaktur bestand bis 1806 und lieferte Lohrer Spiegel bis nach Südamerika und Indien. Mit dem Rokoko wuchs der Bedarf an dem reflektierenden Glas stetig: Kaum eine neu erbaute Residenz oder ein Lustschlösschen, die nicht mit einem Spiegelkabinett ausgestattet worden wären. Vor allem im süddeutschen Raum war die Verbreitung groß.
Da Spiegel und Koketterie immer eng beieinander lagen, wurden natürlich auch weiterhin die kleinen Taschenspiegel produziert. Im 18. Jahrhundert - wo es gemäß französischer Hofetikette neun verschiedene Arten gab, das Schönheitspflaster zu platzieren - war dieses Utensil wichtiger denn je. Im Empire wurde der erste figurhohe, bewegliche Standspiegel, die sogenannte Psyché, gefertigt. Und wieder waren die Franzosen en vogue, als es darum ging, den prüfenden Blick auf die gesamte Toilette zu ermöglichen. Doch noch immer war der Spiegel ein Luxusgut, an dem sich vornehmlich der Adel erfreute: Ein großes Exemplar von hoher Qualität kostete immerhin genauso viel wie eine Kutsche.
Erst im 19. Jahrhundert reklamierte das Bürgertum Glanz und Selbstbespiegelung für sich: Der Spiegel wird nun auch in der bürgerlichen Wohnung zu einem wichtigen Einrichtungsgegenstand. Zudem stattet man öffentliche Räume wie Kaffeehäuser, Restaurants oder Theaterfoyers mit glänzenden Spiegelfronten aus.
1857 wurde die Spiegelherstellung ein weiteres Mal verbessert: Dank der neu erfundenen Silberverzinnung konnten noch klarere Spiegel produziert werden. Durch den Verzicht auf die herkömmliche Verzinnung mit Quecksilber verbesserten sich vor allem die Arbeitsbedingungen - zuvor hatten die Handwerker erhebliche Gesundheitsschäden davongetragen.
Mit dem bayerischen König Ludwig II. und seinem Traum vom absolutistischen Königtum lebte der Glanz der barocken Spiegelgalerie auch im 19. Jahrhundert noch einmal auf. Auf der Insel Herrenchiemsee wollte sich der bauwütige Regent ab 1878 sein bayerisches Versailles errichten lassen, dessen Fertigstellung er allerdings nicht mehr erlebte. Mit 75 Metern Länge und 10 Metern Breite überbietet die Große Spiegelgalerie das französische Vorbild sogar um zwei Meter. Kein Wunder, dass die königliche Kabinettskasse mit diesem Schlossbau endgültig in die Pleite getrieben wurde.
In unseren modernen Städten können wir uns täglich in gläsernen Fassaden spiegeln. Und doch hat die Begegnung mit sich selbst bis heute etwas Magisches. Das Spiegelbild als Seele aufzufassen, ist noch nicht ganz in Vergessenheit geraten. In bestimmten Gegenden lebt die Tradition fort, bei einem Todesfall alle Spiegel im Haus zu verhüllen. Die lange Geschichte dieses Gegenstandes zeigt, dass imaginäre Bilder so alt wie die Menschheit sind.
Bettina Vaupel













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