Es ist ein sprödes Land. Sagt man. Eine eher stille Gegend. Vielleicht ist das so. Aber jedes Jahr im Sommer blühen in Ostwestfalen-Lippe ungeahnte Schätze auf: Wenn sich Landschaft und Denkmale mit Literatur und Musik vereinigen und einer treuen Anhängerschaft jenseits jeder Hektik Kulturmomente der feinen und behutsamen Art schenken - und das seit zehn Jahren.
Wege durch das Land
Denkmalkultur für Feingeister
"von überall äugelt die Blume die Sonne"
(Friederike Mayröcker über Schloss Wendlinghausen)
36 Kinderbeine stapfen die Treppe hoch. Die Wendeltreppe bis zum zweiten Geschoss geht sich noch zügig und ohne Probleme, danach wird es kniffliger: Die letzte Stiege - eng und unglaublich krumm - erfordert alle Aufmerksamkeit, dann ist der Dachboden von Schloss Wendlinghausen im lippischen Dörentrup erreicht. Dabei sollten die 6- bis 12-Jährigen auf dem Weg nach oben auch noch kluge Überlegungen anstellen, darüber nämlich, wie das Pferd einst auf den Kirchturm gekommen ist. Das Pferd des Freiherrn von Münchhausen, das er damals Mitte des 18. Jahrhunderts in einem tiefverschneiten Winterabend vermeintlich an einen Baum angebunden hatte und das am Morgen an der Kirchturmspitze hing. Vielleicht hat nicht jedes der Kinder über einer solch verzwickten Frage brütend bewusst die fast 400 Jahre alten Flure mit den dicken Dielen registriert. Tief in ihrem Inneren aber wird die verschwiegene Atmosphäre, die alten Gemäuern so eigen ist, Spuren hinterlassen haben.
Zuvor hatte die Gruppe sich im Gewölbekeller kennengelernt, der trotz schönstem Frühsommerwetter klamm und nur durch Kerzenschein erleuchtet war. Und spätestens der riesige Dachboden - dunkel, geheimnisvoll und verstaubt -, auf dem sich das Rätsel mit dem Pferd und dem weggetauten Schnee löst, wird allen in Erinnerung bleiben. Schon allein, weil der berühmte Geschichtenerzähler Münchhausen, dessen Ahne Anfang des 17. Jahrhunderts dieses Schloss gebaut hat, der Legende nach oft hier zu Gast gewesen ist und aus seinem 12-Liter-Glas fleißig dem roten Punsch zugesprochen haben soll.
Die Kinder forschen im Laufe des Abends den Lügengeschichten auch im sommerlichen Schlosspark nach und haben dabei ganz praktische Aufgaben zu lösen. Zum Beispiel: Wie viele Kugeln, ähnlich der, auf der Münchhausen in die belagerte Stadt hineinflog, finden sich auf den Rollgiebeln des Schlosses wieder?
Währenddessen sitzen die Erwachsenen in der Scheune des Schlosses Wendlinghausen und lauschen dem Schauspieler Tobias Moretti, der augenzwinkernd und kammermusikalisch begleitet die Abenteuer des Freiherrn von Münchhausen vorträgt. In der Pause hatten sie entspannt im Hof der Schlossanlage gestanden, die friedliche Atmosphäre genossen, das Schloss im Weserrenaissancestil inmitten der schönen Natur auf sich wirken lassen und vielleicht ein kurzes Gespräch mit den Hausherren gesucht, in dessen Familienbesitz sich der Ort seit 300 Jahren befindet. Es ist wie ein Ankommen auf dem Land, eine Art von Zeitverzögerung. Ganz im Sinne der Organisatoren des Literatur- und Musikfestes "Wege durch das Land", in dessen Rahmen der Abend im Juni 2008 stattfand und der damit einer von rund zwanzig in jenem Sommer war.
Und ganz im Sinne der Hausherren, Elisabeth und Joachim von Reden. Sie sind glücklich, wenn sie ihr Anwesen öffnen können, denn genug haben sie in den letzten Jahren in dessen Erhaltung investiert. Eine Bronzetafel neben dem Wendelstein zum Kellergewölbe zeugt davon, dass die Deutsche Stiftung Denkmalschutz im Jahre 2000 und 2002 zusammen mit der Lotterie GlücksSpirale und weiteren Geldgebern hat helfen können, die Alterserscheinungen des betagten Gebäudes in den Griff zu bekommen. Aber Steinkonservierung und Restaurierung sind das eine, die angemessene Nutzung eines Baudenkmals ist oftmals die weitaus schwierigere Aufgabe, die es zu lösen gilt. Ein Glücksfall, wenn Schlösser noch bewohnt und nicht nur von Tagesbesuchern entlang dicker Absperrkordeln durcheilt werden.
Ein noch größerer Glücksfall, wenn die Besitzer sich mit Herz und Seele engagieren und der Kultur Einzug gewähren. Auch und vor allem der zeitgenössischen wie der von Tobias Rehberger oder Louise Bourgeois etwa, die hier im Schlosspark schon Installationen aufbauten. Die von Redens sind sehr froh, dass "Wege durch das Land" seit dessen Premiere vor nunmehr zehn Jahren regelmäßig Station auf Schloss Wendlinghausen macht.












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