Wer kennt ihn nicht: Odysseus, den getriebenen Helden des Homer zugeschriebenen Epos "Odyssee"? Den König Ithakas, der am Troianischen Krieg teilnimmt und dessen Rückkehr sich zu einer jahrelangen Irrfahrt entwickelt, in der er alle Gefahren und Verlockungen mutig, schlau, wortgewandt und von den Göttern geprüft übersteht.
Odysseus in der Kirche
Karolingische Malereien im Kloster Corvey
Seine Abenteuer sind Bestandteil des griechischen Sagenstoffes, der bis heute fasziniert und in Literatur, Musik, Theater und bildender Kunst verarbeitet wird. Dennoch verwundert es, Odysseus in einem christlichen Gotteshaus zu entdecken. In der Kirche des 822 gegründeten Benediktinerklosters Corvey bei Höxter ist der Ithaka-König in einer karolingischen Wandmalerei dargestellt. Er ist ein Held, ohne Zweifel - aber auch ein antiker Heide. Was hat er an durchaus exponierter Stelle in der mehrgeschossigen Emporenkirche zu suchen, die das 873-85 errichtete Westwerk der Klosterkirche birgt? Die Entdeckung der Malereien im ehemaligen Kloster Corvey, das unter den Karolingern eine bedeutende Glaubensbastion im Osten des fränkischen Reiches sein sollte, gab den Anlass zu jahrzehntelanger Forschungsarbeit, die von der Wissenschaftlerin und Denkmalpflegerin des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe, Hilde Claussen, zuletzt 2007 publiziert wurde.
Die heute nur noch schwer lesbare Szene aus dem 9. Jahrhundert ist Teil eines Bildprogramms, das vermutlich in einem Fries das Hauptgeschoss der Emporenkirche schmückte. Dort kämpft im sogenannten Westraum Odysseus mit der Skylla, einem grauenvollen Meeresungeheuer. Vor ihr hat ihn beim Abschied die verführerische Zauberin Kirke gewarnt. Sie entließ Odysseus von ihrer Insel, nachdem sie den Standhaften ein Jahr lang vergeblich "bezirzt" hatte. In einer Meerenge warten die menschenfressende Skylla und die einen gefährlichen Meeressog verursachende Charybdis auf unbedachte Seefahrer. Um die lauernden Gefahren wissend, steuert Odysseus in sicherer Entfernung an Charybdis vorbei, aber da verschlingt Skylla sechs von seinen Gefährten, ohne dass er dagegen etwas ausrichten kann.
In der griechischen Antike stellte man sich Skylla als ein Mischwesen vor: Der weibliche Oberkörper sitzt auf einem sich windenden Schlangenschwanz, und aus der Hüfte wachsen bis zu sechs fresswütige Hundeköpfe. Auch in der karolingischen Malerei von Corvey ist Skylla so dargestellt, und sie schwingt vermutlich, wie häufig in antiken Darstellungen, ein Ruder über ihrem Kopf, während sie mit einem Arm einen hilflosen Gefährten festhält. Ungewöhnlich hingegen ist, dass der mit einer Tunika bekleidete Odysseus auf ihrem Schwanz steht und mit einer Lanze einem der Hunde ins Maul sticht.












Ihr Kommentar
Kommentare anderer Leser
Schreiben Sie den ersten Kommentar.
Die Redaktion behält sich die Prüfung, Bearbeitung und Kürzung von Kommentaren vor, bevor sie online gestellt werden.