Nichts ist wohl spannender für Kinder, als in der Spielkiste der Freunde zu stöbern. Was es dort alles zu entdecken gibt: eine Holzente mit Lederfüßen, einen getrockneten Ast, ein Smarties-Fernrohr, weiter unten Wäscheklammern, Kastanien vom vergangenen Herbst und auf dem Boden ein Katzenkalender aus der Apotheke.
Gründlers Kuriositätenschau
Die Wunderkammer in Halle
Ähnlichen Schatzkisten standen Wissenschaftler gegenüber, als sie 1992 die damals fast 300 Jahre alte Naturalienkammer in den verfallenen Räumen der Franckeschen Stiftungen in Halle sichteten. Eigentlich galten die Objekte der einst berühmten Sammlung bis auf wenige ethnographische Stücke als verloren. Nun fanden sich zur großen Überraschung in den von Taubendreck verschmutzten Schränken Kostbarkeiten: Waschgold aus der Donau, Silbererze aus Indien und Sachsen, Muscheln, Taranteln, ein russisches Panzerhemd, Kleider aus der Türkei, griechische und ägyptische Münzen, Kupferstiche, Flüssigpräparate, das Modell einer Pulvermühle, ein nagelbesetzter Büßerpantoffel und ein drahtgeflochtenes Weltensystem.
Die Wissenschaftler hatten einen Schatz entdeckt, dessen Bergung sich allerdings als äußerst schwierig herausstellen sollte, denn erst einmal konnten nur wenige Objekte zweifelsfrei bestimmt werden. Der damalige Archivar und jetzige Direktor der Franckeschen Stiftungen Dr. Thomas Müller-Bahlke war sich oft nicht einmal sicher, ob es sich um Gegenstände aus der Natur oder um Artefakte handelte. Also wurden die Funde fotografiert und dokumentiert. Man lud Textil-, Stein- und Papierrestauratoren ein, die die verklebten, wurmstichigen oder verstaubten Objekte begutachteten. Die Mühe lohnte. Denn am Ende des langwierigen Zählens und Ordnens stand die Wiederherstellung einer europaweit einmaligen, vollständig erhaltenen barocken Wunderkammer. Die Wissenschaftler hatten Glück: Von den 4696 Stücken, die Gottfried August Gründler 1741 in einem Gesamtkatalog erfasst hatte, waren fast alle noch vorhanden. Die 16 Schränke, die der Kupferstecher und Kunstmaler Gründler eigens für die Sammlung geschreinert und bemalt hatte, zeigten sich aber leider in einem traurigen Zustand. Genauso der ehemalige Schlafsaal des Waisenhauses auf dem Dachboden, der als Ausstellungsraum diente. Weil aber die seltene Chance bestand, Sammlung, Mobiliar, Schauraum und sogar das museumstheoretische Konzept des 18. Jahrhunderts zu rekonstruieren, zögerten Müller-Bahlke und seine Mitarbeiter nicht, die Restaurierung in Angriff zu nehmen.
Es sollte eine Entdeckungsreise zurück in die Zeit des Gründers August Hermann Francke (1663-1727) werden. Die Stiftungen unterhielten damals mehrere Schulen für Arme und Waisenkinder sowie eine Missions- und Bibelanstalt. Der Pietist Francke und später sein Sohn, der stärker als der Vater der Kunst zugeneigt war, bemühten sich, eine Naturalienkammer aufzubauen. Solche privaten Kabinette waren seit der Renaissance in Mode. Gesammelt wurde, was wertvoll war, merkwürdig erschien oder Seltenheitswert besaß. Dies aber keineswegs wahllos. Neu bei Francke war, dass die Modelle, Tierkörper und Muscheln den Schülern als Schaustücke im Unterricht vorgeführt wurden. Anhand dieser Realien sollten sie die Schöpfung hautnah kennen- und verstehen lernen.
Den Grundstein für das Naturalienkabinett legte Francke im 17. Jahrhundert mit einem Brief an seinen Landesherrn, den Kurfürsten Friedrich III. von Brandenburg: "Wann nun in Ewr. Churfl. Durchl. naturalien- und raritaeten-Kammer ohne Zweiffel viele naturalia und rariora in duplo und überflüßig zu finden sind, die etwa ohne Schaden und merckl. Abgang von dero raritaeten- Kammer gemisset werden könten, [...] Ew. Churfl. Durchl. möchten gnädigst geruhen mit solchem Überfluß hiesige zur Erziehung der Jugend gemachte Anstalten gnädigst zu beehren."












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