Monumente Online

Ausgabe: Oktober 2008

Deutsche Stiftung Denkmalschutz

Schwerpunkt: Denkmale für den Aufbruch ins Unbekannte

(c) Sammlung Deutsches Auswandererhaus Leitartikel

Stadt des Abschieds

Das Bremerhavener Auswandererhaus hält Erinnerungen lebendig

Nicht immer lassen sich Geschichten von Auswanderern als Erfolgs-Märchen erzählen. Für die 17-jährige Mar­tha Hüner aber wird 1923 der Traum vom neuen - besseren - Leben wahr. Am 10. Dezember, als sie am Kai von Bremerhaven auf die Abreise wartet, weiß sie dies noch nicht. Bislang hat sie ihren Stadtteil Geestemünde noch nie verlassen, und nun reist sie ganz allein nach Amerika. Letzte Umarmungen und Küsse werden ausgetauscht, weiße Taschentücher geschwenkt. Während die Zurückbleibenden mit ihrer Trauer kämpfen, mischen sich bei denen, die mit Martha Hüner an Bord gegangen sind, Hoffnung und freudige Erwartung ins Durcheinander der Gefühle. Mit tränenumflorten Blick auf den Neuen Hafen sagen die Auswanderer der Heimat Lebewohl. In ihren Köpfen werden die Bilder an der Columbus­kaje, der schlanke Backstein-Leuchtturm und später die sich weitende Weser mit dem imposanten großen Bruder "Roter Sand" für immer als Erinnerungsorte ins Gedächtnis eingegraben sein.

 (c)  Sammlung Deutsches Auswandererhaus
© Sammlung Deutsches Auswandererhaus
Traurige und erwartungsvolle Gesichter bei der Verabschiedung der Auswanderer an der Columbuskaje in den 1920er Jahren. Großbildansicht

So wie Martha Hüner traten mehr als sieben Millionen Auswanderer zwischen 1830 und 1974 von Bremerhaven aus die Schiffspassage in die USA, nach Kanada, Brasilien, Argentinien und Australien an. Dort, wo sie Europa verließen und sich einst die Lagerhallen befanden, steht seit 2005 das Deutsche Auswandererhaus.

 (c)  Sammlung Deutsches Auswandererhaus
© Sammlung Deutsches Auswandererhaus
Beeindruckende Szenerie der Ausstellung: Auswanderer vor der Schiffswand der "Lahn". Großbildansicht

Die Besucher des Museums werden eingeladen, Geschichte mit allen Facetten des äußeren Scheins und sämtlichen Gefühlen nachzuerleben. Sie begleiten Auswanderer auf ihrem Weg in die ungewisse Zukunft. Beginnend mit dem Abschied, stehen sie selbst in einer rekonstruierten kahlen Wartehalle der Reederei Norddeutsche Lloyd, drängen sich mit täuschend echt gestalteten Figurengruppen vor der respekteinflößend düsteren Bordwand des Schnelldampfers "Lahn", ringen auf dem schwankenden Boden des Schiffs um Halt und laufen durch das niedrige, enge Zwischendeck während der Überfahrt. Bei der Ankunft in Amerika werden sie in die "eisernen Käfige" der Einwande­rerstation Ellis Island vor Manhattan entlassen. 16,5 Millionen Menschen passierten die zur Quarantänestation ausgebaute Insel vor der Stadt. Nach einer medizinischen Untersuchung und einer Befragung durch Inspektoren entschied sich dort, wer einreisen durfte und wer zurückgeschickt wurde.

 (c)  Herbert Dehn
© Herbert Dehn
Im Zwischendeck reisten die Auswanderer dicht zusammengedrängt. Großbildansicht

Mit einer elektronischen Eintrittskarte, dem Boarding Pass, können Besucher in der Ausstellung die Lebensgeschichte eines bestimmten Migranten und seiner Familie bis zu dessen noch heute lebenden Nachfahren verfolgen. So beispielsweise das Schicksal der Martha Hüner. Das Ende der Geschichte, die hier am Anfang als Auswanderer-Märchen angekündigt wird, steht noch aus. Tatsächlich musste Mar­tha nicht völlig ins Ungewisse reisen, wie noch viele hungernde Bauern und Handwerker im 19. Jahrhundert, die sich überhaupt kein Bild vom Land ihrer Träume hatten machen können. Mut allerdings brauchte auch sie, denn die unbegrenzten Möglichkeiten waren längst geschrumpft. Martha Hüner wurde von ihren in Amerika lebenden Tanten eingeladen, die ihr zwar keine Reichtümer, aber gute Chancen als Haushaltsgehilfin oder Dienstmädchen in Aussicht stellten und ihr anboten, die Reise zu bezahlen. Als Martha am 20. Dezember 1923 eintraf, holte ihre Tante Käthe sie ab und fuhr mit ihr durch das weihnachtlich geschmückte New York. Neun Jahre später heiratete Martha und eröffnete mit ihrem Mann ­eine Bäckerei in New Jersey.

Im Herzen das Bild ihrer Kirche

Über diesen Lebensweg, der zwar nicht dem eines 1867 geborenen Carl Laemmle aus Laupheim in Oberschwaben entspricht - auch er wanderte mit 17 Jahren aus und gründete 1913 in Los Angeles die Universal City Studios und damit Hollywood -, kann man als Inhaberin der persönlichen Eintrittskarte "Martha Hüner" nur erleichtert sein. Denn natürlich erging es nicht allen so wie Carl Laemmle oder der jungen Frau. Ihre Hinterlassenschaften werden in einem der beeindruckendsten Säle des Hauses, der "Galerie der sieben Millionen", zusammengetragen, laufend angereichert durch Angehörige von Auswanderern, die dem Museum den Nachlass ihrer Eltern, Onkel und Tanten stiften.

 (c)  ML Preiss
© ML Preiss
Galerie der sieben Millionen: In den mit Namen von Auswanderern versehenen Schubladen verbergen sich Briefe, Fotos und Dokumente. Großbildansicht

In Tausenden mit Namen versehenen Schubladen verbergen sich Briefe, Fotos, Dokumente und Erinnerungsstücke, die auch darüber Auskunft geben, ob die Menschen Europa freiwillig verließen und ob sie später das Heimweh packte.

Sogar Martha Hüner, die 1987 starb, dachte trotz ihres glücklichen Schicksals gelegentlich an Bremerhaven, das für sie zugleich Heimat und Abschiedsort war, zurück. Aus einem Stück Leinen, das ihr die Mutter schickte, nähte sich das Geestemünder Dienstmädchen eine "Heimwehdecke", gestickt und geklöppelt, und servierte darauf in New York Apfelkuchen nach deutschem Rezept.

All die anderen, die damals aus Schwaben, Bayern, Mecklenburg oder von weit her angereist waren und in Bremerhaven an Bord nach Übersee gingen, trugen auch ein Stück Heimat mit sich: Familienporträts, kleine Andenken oder im Herzen die Bilder ihrer Kirche, in der sie getauft worden waren oder geheiratet hatten. So hielt man Verbindung über Jahre oder Generationen und linderte Heimweh.

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