Monumente Online

Ausgabe: August 2008

Deutsche Stiftung Denkmalschutz

Schwerpunkt: Architektur und Landschaft

(c) Roland Rossner / (c) Roland Rossner Kleine Kulturgeschichte

Schön verrückt!

Soweit die sichtbare Oberfläche und die Illusion durch Sprühwasser, rauschende Kaskaden und spiegelglatte Seeflächen. Verborgen liegt die ausgeklügelte Technik. In Schwetzingen existieren die Wasserwerke noch. Das alte am Schloss konnte die Ansprüche, die der 1749 vom Kurfürsten Carl Theodor zum "Intendanten der Gärten und Wasserkünste" berufene Nicolas de Pigage stellte, aber beileibe nicht erfüllen. Pigage plante daher um 1762 ein neues "Oberes Wasserwerk". Pumpen saugten Grundwasser aus gemauerten Schachtbrunnen an und förderten es in die oben im Wasserturm aufgestellten, aus Bleiplatten gefertigten Reservoirs, die durch kräftige Eichenbohlen abgestützt waren. Zwei der Behälter mit 58 und 56 Kubikmetern Inhalt standen 18 Meter über dem Erdboden. Aus ihnen wurde die große Fontäne gespeist. In zwölf Stunden konnte das obere Pumpwerk 570 Kubikmeter fördern. Das Wasserwerk ist mitsamt seinen technischen Einrichtungen erhalten geblieben und wurde kürzlich restauriert. Mit den riesigen Holzrädern, Hohlwellen und Pumpen ist es ein Denkmal ganz besonderer Art.

Auch unterirdisch spielt sich einiges ab. Pigage beschrieb in einem Inventar die Leitungen. So führte ein Hauptrohr mit 150 Millimetern Durchmesser "halb von Eisen, halb von bley" vom oberen Behälter zum großen Fontänenbassin und ein bleiernes Rohr von den unteren Behältern zu den vier ovalen Bassins im Zirkel.

 (c)  R. Rossner
© R. Rossner
Am Steinhöfer Wasserfall in Kassel-Wilhelmshöhe stürzt Wasser über die Nachbildung eines verfallenen römischen Aquädukts 42 Meter in die Tiefe. Großbildansicht

Das Überschusswasser des Fontänenbassins versorgte über eine Ablaufleitung die wasserspeienden Hirsche am Spiegelweiher und die in den Bosketten liegenden Wasserspiele beim Minerva-Tempel, bei der Galathea-Statue und dem Wildschweinbrunnen.

In Schwetzingen kostete es Gartenkünstler und Brunnenmeister große Anstrengungen, die Wasserspiele in Gang zu setzen, denn die flachen Ebenen waren dafür nicht gerade geschaffen. Ganz anders war das in Kassel, wo der wasserreiche Habichtswald mit einer großen Hochebene und zahlreichen Quellen optimale Voraussetzungen dafür bot, Wasser zunächst einmal in Seen zu sammeln und dann entsprechend abzuleiten. Die Wasserkunst, so wie man sie im Park Wilhelmshöhe heute zweimal in der Woche erleben und "erwandern" kann, wurde nicht als Gesamtentwurf konzipiert, sondern entstand nach und nach in einem Zeitraum von mehr als 150 Jahren. Dafür wurden der Berghang und die Topographie mit ihren unterschiedlichen Mittelgebirgszügen ausgenutzt und zu einem begehbaren Landschaftsgemälde geformt. Die Modellierung des Bodens, die Wegeführung und die Vielfalt der Wasserspiele als dramatische Kaskaden vor der neun Meter großen, beherrschenden Herkulesfigur, als rauschender Wasserfall und 50 Meter hohe gischtsprühende Abschlussfontäne beeindruckten damals und tun es noch heute. Indem Naturgewalten imitiert werden, hat der Park einen respektheischenden Charakter im Unterschied zu den lieblichen Renaissance- und theatralischen Barock-Wasserspielen.

 (c)  R. Rossner
© R. Rossner
Frisch restauriert: Der künstliche Steinbruch mit Wasserfall am Berliner Brixplatz Großbildansicht

Inzwischen sind erzählerisch angelegte Wasserspiele mit Figuren wie Poseidon, Nymphen, Drachen und Meeresungeheuern oft von abstrakter Wasserkunst im öffentlichen Raum abgelöst. Neue Techniken machen es möglich, das Wasser selbst zu Schleiern, Halbkugeln und Glocken zu formen, flache und steile Kurven mit dem flüssigen Stoff zu beschreiben. Solche Spiele, oft mit Musik unterlegt, fesseln noch immer. Sie sind aber von ganz anderer Gestalt als die historische Wasserkunst. Umso wichtiger ist es daher, die verbliebenen Skulpturengruppen zu schützen, damit weder die Geschichten, die im heutigen Alltagsleben kaum mehr vorkommen, noch die Brunnen verlorengehen.

In manchen deutschen Städten können derzeit leider nicht alle Brunnen in Betrieb genommen werden. Aber um jeden Preis zu sparen, tut nicht gut. In Berlin beispielsweise springt die Deutsche Stiftung Denkmalschutz aktuell am Brixplatz in Charlottenburg helfend ein. Hier wird in einer Senke eine nahezu unwirkliche Oase wiederbelebt, die 1913 als Volkspark angelegt wurde. Mitten in den Straßenfluchten locken ein künstlicher Wasserfall und ein Teich mit quakenden Fröschen. Daneben beteiligen sich auch Firmen in der Hauptstadt an den laufenden Kosten von Brunnenanlagen.

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