Monumente Online

Ausgabe: August 2008

Deutsche Stiftung Denkmalschutz

Schwerpunkt: Architektur und Landschaft

c) Julius-Shulman & Jürgen-Nogai Interview

Neutra-Häuser in Deutschland

Wohnen im Neutra-Bungalow - Interview mit Hilmer Goedeking

MO: Der Architekt Richard J. Neutra (1892-1970) ist für luxuriöse Wohnbauten bekannt, die nach seinen Entwürfen vor allem in den Vereinigten Staaten und der Schweiz großzügig in die Natur hineinkomponiert wurden. Wie ineinandergreifende Raumkästen erscheinen diese Häuser, deren Glaswände einen fließenden Übergang zwischen dem Wohnraum und der sie umgebenden Landschaft schaffen.

Herr Goedeking, Sie bewohnen einen Bungalow in der Neutra-Siedlung in Mörfelden-Walldorf, die Anfang der 1960er Jahre im Auftrag der Bewobau GmbH nach den Plänen Richard J. Neutras entstand. Im Gegensatz zu den solitären Bauten in Kalifornien oder in der Schweiz steht Ihr Haus in einem Wohngebiet. Wie hat der Architekt die typischen Merkmale seiner Formengestaltung an die Situation in Walldorf angepasst?

Hilmer Goedeking: Neutra hat ja nicht nur Villen gebaut, sondern immer auch Siedlungen. Diejenigen in Walldorf und Quickborn zählen in Bezug auf die Grundrisse - vor allem die eingeschossigen Haustypen - und auf die Gesamtanlage sicherlich zu seinen besten Entwürfen. Die Häuser sind nur kleiner und bescheidener als seine berühmten Privatvillen. Sie weisen alle für Neutra typischen Merkmale auf, mittels derer sich Privatheit mit Offenheit und Großzügigkeit verbinden lassen: große Fenster, deren Rahmen aufs Äußerste reduziert sind, Glasschiebetüren, die das Wohnzimmer mit den Terrassen verschmelzen lassen, und diagonal organisierte Grundrisse, die stets neue und andere Durchblicke erlauben, sowie das berühmte "spider leg" (eine Stütze für die weit auskragenden Dachüberstände), das eine sprossenfreie Glasecke im Wohnraum ermöglicht. Die Grundrisse sind so gestaltet, dass sie sich eng mit den Gärten, den Bäumen und der Umgebung verweben. Immer wieder werden lange Blicke über das eigene Grundstück hinaus möglich, ohne dabei einen Einblick von außen zu gewähren. Von der Straße aus betrachtet wirken die Häuser eher unscheinbar, ja bescheiden, nach innen wachsen sie, und werden mit der Verbindung von innen nach außen groß und großzügig. Hier zeigt sich die kluge Planung eines erfahrenen Architekten!

 (c) Julius-Shulman & Jürgen-Nogai
© Julius-Shulman & Jürgen-Nogai
Die raumhohen Glaswände des Neutra-Bungalows in Walldorf lassen viel Tageslicht ins Haus und "erweitern" den Wohnraum ins Freie. Großbildansicht



Die etwas von der Grundstücksgrenze zurückliegenden Häuser werden in der Regel über kurze Sackgassen erreicht, die so schmal sind, dass man dort nur fahren aber nicht parken kann. Die Zwischenräume sind niedrig bis halbhoch bepflanzt, auch daraus ergibt sich ein ruhiger, großzügiger Gesamteindruck. Parkende Autos sollen ausdrücklich nicht den Eindruck bestimmen. Sie gehören - laut Neutra - ins Private, in die Garage, nicht in die Wohnstraße. Das einzige, was den Bauten in Walldorf im Vergleich zu den großen Villen fehlt, ist der topografische Bezug, sind Fernblicke.

MO: Die Neutra-Siedlung in Walldorf steht mit 42 Gebäuden seit 1984 als Ensemble unter Denkmalschutz. Darüber hinaus sind zehn ihrer Häuser einzeln geschützt. 2006 wurde Ihnen der "Bundespreis für Handwerk in der Denkmalpflege"* verliehen. Eine Auszeichnung, die die vorbildliche Wiederherstellung und Weiterentwicklung Ihres Neutra-Hauses prämiert. Warum bedurfte es dieser Arbeiten an dem nur etwa 40 Jahre alten Gebäude?

 (c)  Julius Shulmann
© Julius Shulmann
Ein besonderes Markenzeichen Richard Neutras sind schmale Lichtbänder, die in die Unterseiten der Dachüberstände eingelassen werden. Auch bei den Bungalows in Walldorf wurden sie umgesetzt. Großbildansicht

Hilmer Goedeking: Jedes Haus braucht nach ungefähr dreißig bis vierzig Jahren die Erneuerung von technischen und baulichen Einrichtungen. Bei unserem Haus war das nicht anders: Die Isolierscheiben im Wohnraum stammten aus den frühen 1960er Jahren. Sie wurden, unter Beibehaltung der schmalen Rahmen, mit gasgefüllten Scheiben neuester Technik ersetzt; das Dach wurde von unten geöffnet, inspiziert und nach heutigen Anforderungen gedämmt. Die Badezimmer erhielten neue Fliesen, moderne Objekte und eine bodengleiche Dusche. Demnächst muss der Warmlufterzeuger der Heizung erneuert werden.

MO: Seit 2005 stehen alle 67 Einzelhäuser der ebenfalls Anfang der 1960er Jahre erbauten Neutra-Siedlung in Quickborn unter Denkmalschutz. Der Unterschutzstellung folgte erheblicher Protest mancher Hauseigentümer, von denen etwa ein Drittel vor Gericht klagte. Welche Einwände bringen die Gegner einer Unterschutzstellung an?

Hilmer Goedeking: Ich kenne nicht alle Argumente, die vor Gericht vorgebracht wurden. Da mag es auch formale Gründe gegeben haben. Ich denke, im Kern geht es wohl darum, dass mit der Unterschutzstellung einerseits bauliche Erweiterungen und Veränderungen nicht mehr so wie bislang möglich sind und dass andererseits ein Verfall der Grundstücks- und Gebäudewerte befürchtet wird.

MO: Neben den beiden Neutra-Siedlungen in Walldorf und Quickborn entstanden in Deutschland Mitte der 1960er Jahre auch Neutra-Villen auf weiträumigen Grundstücken. Gab es im Fall dieser Einzelobjekte ebenfalls Interessenkonflikte?

Hilmer Goedeking: Damals hat Neutra sehr um das Planungsrecht kämpfen müssen. Beim Haus Rang in Königstein im Taunus beispielsweise um das Recht, auf dem isoliert liegenden Grundstück überhaupt bauen zu dürfen. In der Schweiz haben die Behörden seinen Entwurf für das Haus Rentsch in Wengen zunächst rundweg abgelehnt, weil er kein geneigtes Dach zeigte. Ausgeführt wurde tatsächlich ein Haus mit Pultdach - ein eleganter Entwurf zweifellos trotz der Anpassung. Können und Souveränität eines Architekten zeigen sich insbesondere dann, wenn er unter erschwerten Rahmenbedingungen gute Ideen entwickeln und verwirklichen kann. Es gibt viele Anekdoten, die davon erzählen, wie Neutra es vermochte, Bauherren, Ämter und Politiker in seinen Bann zu ziehen, um seine Entwürfe zu realisieren.

 (c) Julius-Shulman & Jürgen-Nogai
© Julius-Shulman & Jürgen-Nogai
Spiegelnde Wasserbecken am Übergang zwischen innen und außen sorgen für ein angenehmes Klima und lassen das Haus mit seiner Umgebung verschmelzen. Großbildansicht

MO: Sie sind Vorsitzender der im März 2006 gegründeten Richard J. Neutra Gesellschaft. Welche Ziele verfolgt diese Institution?

Hilmer Goedeking: Wir wollen die Eigentümer der Neutra-Häuser in Deutschland - immerhin sind dies deutlich über einhundert! - dabei unterstützen, für immer wiederkehrende Fragen der Bauunterhaltung und Modernisierung angemessene und sinnvolle Lösungen zu finden: Man muss bei vier Haustypen nicht hundert verschiedene Ausführungen erfinden! Wir möchten Neutra-Interessierte als neue Nachbarn gewinnen und die wissenschaftliche Forschung über Neutras Einfluss auf die Nachkriegsmoderne unterstützen. Und schließlich sind Neutras Ideen über ein naturnahes Wohnen aktueller denn je. Ökologie hat natürlich mit Dämmwerten und Energieeinsparung zu tun, aber auch damit, dass mit knapper werdenden Ressourcen ein Höchstmaß an Wohn- und Lebensqualität erreicht wird. Neutras Biorealismus** kann immer noch sehr wesentliche Anregungen geben und mit den technischen Möglichkeiten von heute weiterentwickelt werden.

Das Interview führte Julia Ricker

* Der "Bundespreis für Handwerk in der Denkmalpflege" wird von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz und dem Zentralverband des Deutschen Handwerks jährlich in zwei Bundesländern an private Eigentümer verliehen.

** Als Biorealismus bezeichnet man Neutras Theorie, die von einer Wechselwirkung zwischen der Architektur und der sie umgebenden Landschaft ausgeht. Innen und außen sollen eine Einheit bilden, um den seelischen und körperlichen Bedürfnissen der das Haus bewohnenden Menschen gerecht werden zu können.

Kopfgrafik - Bild links: Lageplan der Neutra-Siedlung in Mörfelden-Walldorf.

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Streiflichter
Zur Person:
c) Hohenacker

Zur Person: Hilmer Goedeking, Jahrgang 1958, studierte an der TH Darmstadt und an der University of Illinois at Chicago. Er arbeitet als freier Architekt in Frankfurt am Main. Seit 1996 leitet er ein eigenes Architekturbüro. Hilmer Goedeking ist Vorsitzender der Richard J. Neutra Gesellschaft.

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