MO: Mit Ostfriesland verbindet man gemeinhin die malerische Landschaft aus grünen Weiden, Kanälen und leuchtenden Rapsfeldern sowie ausgedehnte Dünengebiete und den Nordseestrand. Die Küstenregion zieht vor allem Badetouristen oder an Sport- und Wellnessangeboten interessierte Besucher an. Aufgrund der besonderen Regionalgeschichte bieten der Küstenstreifen und gerade das weniger bekannte Binnenland jedoch weit mehr. Warum ist Ostfriesland auch ein attraktives Ziel für Kulturtouristen?
Kulturtourismus in Ostfriesland
Interview mit Katrin Rodrian
Katrin Rodrian: Ostfriesland bietet für Kulturinteressierte überraschende Angebote, die man auf den ersten Blick so nicht erwartet. Nennen möchte ich insbesondere drei Stichpunkte: Burgen und Häuptlinge, romanische Kirchen sowie den "Musikalischen Sommer". Mit Häuptlingen verbindet man häufig Indianer und nicht die Friesen. Die Friesen durften sich seit 1100 "vreesch ende fry" - friesisch und frei nennen. Das bedeutet, sie mussten dem Kaiser keine Soldaten stellen und kannten keine Leibeigenschaft. Aus dieser Stellung entwickelten sie ein Stammessystem, dessen Häuptlinge über das ganze Land verteilt Burgen aus Stein erbauten. Die Häuptlingsburg in Dornum und die Evenburg in Leer-Loga seien hier genannt sowie die Lütetsburg bei Norden, die von einem englischen Garten umgeben ist, der mit seiner botanischen Pracht jährlich tausende Besucher in Staunen versetzt. Die jetzigen Burgen stammen natürlich nicht aus dem Mittelalter, zeugen aber noch von der Häuptlingszeit. Weiterhin besitzt die ostfriesische Halbinsel eine stattliche Anzahl romanischer Kirchen, die kunst- und kulturhistorisch bedeutsam sind. Das Musikfestival "Musikalischer Sommer" ist der festliche Rahmen, in dem viele dieser Gotteshäuser Musik- und Raumgenuss von ausgewählter Qualität bieten.
MO: Ostfriesland umfasst die drei Landkreise Aurich, Leer und Wittmund sowie die kreisfreie Stadt Emden. Welche übergreifenden Institutionen oder gemeinsamen Initiativen tragen dazu bei, Ostfriesland bei Kulturtouristen bekannter zu machen und kulturtouristische Angebote erfolgreich zu etablieren?
Katrin Rodrian: Eine wichtige übergreifende Institution ist die Ostfriesische Landschaft, die für die Inhalte und die Koordination der kulturellen Angebote steht. Dort ist auch der Arbeitskreis Kulturtourismus angesiedelt, der die bündelnde Funktion aller Kulturanbieter übernehmen soll und mit den wissenschaftlichen Mitarbeitern dafür sorgt, dass Inhalte sowie Qualität stimmen. Weiterhin sind die Ostfriesland Touristik GmbH (zuständig für Binnenland und Küste) sowie der Tourismusverband Nordsee e.V. (zuständig für Küste und Inseln) für eine erfolgreiche Tourismusvermarktung verantwortlich.
MO: Seit wann bemüht man sich in Ostfriesland aktiv um die Förderung des Kulturtourismus, und haben sich die Besucherstrukturen seither verändert?
Katrin Rodrian: Ostfriesland trat für Kulturtouristen zum ersten Mal nachhaltig in Erscheinung, als der Gründer der Zeitschrift "Stern", Henri Nannen, in seiner Heimatstadt Emden die Kunsthalle erbaute. Dort werden Werke des Deutschen Expressionismus, der Neuen Sachlichkeit sowie zeitgenössische Kunst von internationalem Rang ausgestellt. Dadurch haben alle Akteure in der Region erkannt, dass Kultur, Tourismus und Wirtschaft von der Zusammenarbeit profitieren. Es gibt einige sogenannte Leuchttürme des Kulturtourismus in Ostfriesland. Dazu gehören neben der Kunsthalle in Emden auch der "Musikalische Sommer" sowie der "Park der Gärten" in Bad Zwischenahn.
Die Besucherzahlen in Ostfriesland haben sich durch die kulturtouristischen Angebote stark verändert. Nehmen wir beispielsweise die Ausstellung "Edvard Munch", die vor einigen Jahren außerhalb der Badesaison in der Emdener Kunsthalle stattfand und die Übernachtungszahlen der Hotellerie um 24 Prozent steigern konnte. Das sind die Momente, in denen die Vermieter anfragen, wann es wieder eine so gute Ausstellung gibt. Für uns Kulturverantwortliche ist das natürlich sehr erfreulich.
Im vergangenen Jahr gab es in Ostfriesland eine weitere Premiere. Unter dem Themenbegriff "Garten Eden" schlossen sich fast alle Kulturveranstalter in der Region zusammen und boten unter einem gemeinsamen Dach sehr unterschiedliche Angebote. Neben Ausstellungen zum Thema gab es zum Beispiel aus Führungen durch Parks und Gärten sowie Konzerte im Freien. Die Besucherzahlen waren so hoch, dass wir aus dem Wirtschaftsministerium den Impuls erhielten, in jedem Fall dieses Erfolgsmodell von übergeordnetem Thema, Marketing und Vertrieb fortzuführen. Bei der Ostfriesischen Landschaft laufen in Zukunft alle Fäden zusammen, wird der Kulturtourismus mit gemeinsamen Inhalten und Strategien gefüllt. Den Vertrieb und die professionelle Vermarktung übernimmt die Ostfriesland Touristik GmbH.












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