Monumente Online

Ausgabe: Juni 2008

Deutsche Stiftung Denkmalschutz

Schwerpunkt: Denkmale in strukturschwachen Regionen

(c) ML Preiss Leitartikel

Inseln überrannt, das Binnenland unbekannt

In Ostfriesland schrieben Häuptlinge die Geschichte

"Wie Irrlicht im Moor, flackert's empor,
lösch aus, trink aus,
genieße leise
auf echte Friesenweise,
den Friesen zur Ehr
vom Friesengeist mehr."

Ein passender Trinkspruch für einen Kräuterschnaps, den man in Ostfriesland gerne nach Gerichten wie Speckscholle oder Grünkohl mit Pinkel zu sich nimmt. Der Friesen Geist wird allerorts gerne beschworen, und tatsächlich beseelt er die Menschen: Sie sind freundlich, geradlinig, traditionsverbunden und stets für einen Schnack zu haben. Ob das Gespräch nun "Schnack", "Klön" oder "Klönschnack" heißt, hängt vom plattdeutschen Dialekt ab. Und davon gibt es viele, ob um Emden, Aurich, Wittmund, Jever oder Norden - die Ostfriesen mögen ihre Mundart. Das Selbstbewusstsein der Friesen wurzelt tief in ihrer ungewöhnlichen Geschichte, die sich in der nicht minder eigenwilligen Landschaft zwischen Dollart und Jadebusen abspielte.

Gemeinhin reisen Besucher ohne zu halten durch Ostfriesland Richtung Küste, um noch rechtzeitig eine Fähre zu einer der Ferieninseln zu erreichen. Das Binnenland mit seinen Kanälen, den unwirtlichen Mooren, den friedlich weidenden Kühen und Schafen, den Gehöften, Windmühlen und den hohen Windrädern wird kaum wahrgenommen. Lästermäuler behaupten, es sei so langweilig flach, dass man schon Tage vorher sieht, wer zu Besuch kommt.

 (c)  ML Preiss
© ML Preiss
Bis zum Horizont zieht sich die flache Marschlandschaft im westlich der Ems gelegenen Rheiderland. Großbildansicht

Doch damit tut man Ostfriesland unrecht. Die Halbinsel bietet zwar keine touristischen Höhepunkte, aber wenn man den Blick öffnet und sich Zeit für das Küstenland nimmt, offenbaren sich dort viele kleine Sehenswürdigkeiten, entwickelt sich seine reizvolle Vielfalt.

Schon die geologische Beschaffenheit ist ein Garant für kulturelle Eigenarten. Von hohen Deichen geschützt, säumt die Küste von der Ems bis zur Weser ein breites Marschband, das sich - im Laufe der Jahrhunderte durch Kanäle, Siele und Schöpfwerke mühsam entwässert und entsalzt - als sehr fruchtbarer Boden erwies. Die Landesmitte dominiert ein flacher Geestrücken, sandig-trockenes Ackerland, das weniger ergiebig ist. Nach Süden trennt ein breites Moorgebiet mit Binnenseen, die "Meere" genannt werden, die ostfriesische Halbinsel vom Hinterland ab. Ein Landstrich, der schwer zu bewirtschaften, noch schwerer einzunehmen war und der über die Jahrhunderte mit viel Knochenarbeit kultiviert wurde. Nicht von ungefähr sind die Menschen dort eigenwillig und hart im Nehmen. Eigenschaften, die schon im 1. Jahrhundert n. Chr. den römischen Geschichtsschreiber Plinius irritierten. Er wusste nicht recht zu sagen, ob das ständig überflutete Gebiet "zum Land oder zum Meer gehört". Auf jeden Fall würden die "beklagenswerten" Menschen auf hohen Erdhügeln leben und müssten sogar Schlamm - er kannte keinen Torf - an der Luft trocknen, um Feuer zu machen. Bald hatten die Friesen den Ruf, tüchtige Viehzüchter, geschickte Händler und wagemutige Seefahrer zu sein.

 (c)  ML Preiss
© ML Preiss
Die um 1300 errichtete Kirche des Warfendorfes Campen in der Gemeinde Krummhörn besitzt ein außergewöhnlich verziertes frühgotisches Gewölbe. Großbildansicht

Nachdem Karl der Große 785 das Reich des Friesenkönigs Radbod zerschlagen hatte, das sich vom Ijsselmeer bis zur Weser erstreckte, zerfiel das Land in viele kleine, bäuerlich geprägte Herrschaften. Das fränkische Reich wurde immer wieder von den Normannen überfallen, und die Friesen hatten die mordenden Angreifer abzuwehren. Das gelang ihnen so erfolgreich, dass ihnen der Kaiser Privilegien gewährte, die sie noch heute als ihr höchstes Gut ansehen: die Friesische Freiheit. Allein dem Kaiser verpflichtet, brauchten sie nur im eigenen Land Kriegsdienst zu leisten, waren keine Leibeigenen und durften ihre Angelegenheiten autonom klären.

So bildeten die Friesen keine feudale Herrschaft aus, sondern mit den sogenannten Sieben Seelanden einen genossenschaftlich organisierten Bund von selbständigen Landgemeinden. Erst ab dem 14. Jahrhundert wurden sie von gewählten Häuptlingen, wie man die örtlichen Machthaber nannte, regiert. Der Bund der Freien Friesen traf sich einmal jährlich nach Pfingsten am Upstalsboom bei Aurich, das noch heute als geheime Hauptstadt Ostfrieslands gilt. An dieser Thingstätte verhandelten die Abgesandten der verschiedenen Stämme über Freiheit, Landfrieden, Aufgaben und Pflichten, die sich vor allem um den Küstenschutz drehten und in den "friesischen Küren", den Gesetzen, festgehalten wurden. Begehrliche Übergriffe auswärtiger Grafen wie derer von Holland, Westfalen oder Oldenburg wurden abgeschmettert, auch dank der Moore im Süden.

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