Monumente Online

Ausgabe: Februar 2008

Deutsche Stiftung Denkmalschutz

Schwerpunkt: Handel und Gewerbe

 (c) Roland Rossner / (c) Roland Rossner Leitartikel

Mit vielen Wassern gewaschen

Leipzigs neue Ufer

Es gibt einen Ort in Leipzig, der gewährt wie kaum ein zweiter Einblicke in diese Stadt: in ihre Vergangenheit, in ihren aktuellen Zustand und womöglich auch in ihre Zukunft. Es ist ein anderes Leipzig, eines jenseits von Bach, Buch und Messe. Dieser Ort, die ehemalige Baumwollspinnerei am Rande des Stadtteils Plagwitz, bewahrt faszinierend unverkrampft Vergangenes mit all seinen Spuren und ist gleichzeitig Nukleus eines hochaktuellen und weltumspannenden Universums. Denn hier haben sich seit 1992 mit der Einstellung der Baumwollproduktion Künstler angesiedelt. Erst vereinzelt, dann immer mehr, schließlich Galerien und alles, was sich im weiteren Sinne mit Künstlertum verbinden lässt. Einer der ersten Maler, der sich in den riesigen Fabrikhallen ein großzügiges Atelier einrichtete, war Neo Rauch, ihm folgten Künstler wie Tilo Baumgärtel und Matthias Weischer. Sie sind nach den unberechenbaren Gesetzen des internationalen Kunstmarktes die zur Zeit mit am höchsten gehandelten Protagonisten der Szene. So wissen alle Kunstkenner dieser Welt, wo und was die Spinnerei in Leipzig ist.

 (c)  Roland Rossner
© Roland Rossner
20 Gebäude mit Industrie-Ruinencharme, etwa 100 Künstler und 13 Galerien: Die Leipziger Spinnerei ist eine kleine Stadt für sich und zudem "The hottest place on earth" für Kunstsammler, wie es der "Guardian" formulierte. Großbildansicht

Die Vergangenheit lebt mit in den Ateliers. Rostige Schienen und Buckelpflaster auf dem Gelände erzählen vom industriellen Aufbruch und der Goldgräberstimmung früherer Zeiten. Gar nicht so lange her - und doch Zeitalter entfernt - ist die jüngste Vergangenheit: "Der Kollege xy muss besser auf seine Körperhygiene achten und mit geputzten Zähnen zur Arbeit erscheinen", steht in Schönschrift im dort aufbewahrten Brigadetagebuch neben Aufrufen zur Plansollerfüllung geschrieben, und in dem des Kollektivs A. S. Makarenko von 1982 erzählen die Gewerkschaftsmitglieder, "bestes Betriebskollektiv im sozialistischen Wettbewerb", von einer Reise zu den Baumwollfeldern in Taschkent. Heute wird mit Argusaugen von London und New York aus jeder Pinselstrich des Künstlers in den Hallen der einst 4.000 Arbeiter beobachtet, die Werke werden am liebsten schon vor ihrer Ausführung in die Sammlungen der Großen einverleibt. Die Neue Leipziger Schule pulsiert hinter Backsteinmauern, die von außen hingegen unauffällig und seltsam verträumt wirken und damit zu all den anderen Industriebauten von Plagwitz passen.

 (c)  Stadtgeschichtliches Museum Leipzig
© Stadtgeschichtliches Museum Leipzig
Vermessungsarbeiten am Karl-Heine-Kanal, Aufnahme um 1900 Großbildansicht

Das hätte sich der Rechtsanwalt Karl Heine nicht träumen lassen. Er war es, der 1856 die Vision hatte, aus Plagwitz im Westen der Stadt eine blühende Industrielandschaft zu machen. Seine Idee war, quer durch Plagwitz und Lindenau einen Kanal zu bauen. Der sollte der Industrie als Rohstoff- und Warentransportweg dienen und - so der kühne Traum - bis zur Saale führen, um damit einen direkten Wasserweg zum Hamburger Hafen, zum Mittellandkanal und dem Ruhrgebiet zu schaffen. Der Traum wurde unentwegt diskutiert, aber nur zum Teil erfüllt, zu Heines Zeiten wie auch später: Zwar gibt es einige Kilometer hinter der Baumwollfabrik ein Hafenbecken mit Kaimauer und großen Speichergebäuden - als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme unter den Nationalsozialisten ausgehoben -, aber es wurde niemals mit dem Plagwitzer Kanal verbunden. Zwar gibt es westlich von Leipzig einen Kanal, der ist aber ohne jeden Anschluss und nur teilweise geflutet. Fünf Kilometer fehlten letztendlich bis zur Anbindung an die Saale. Das Tor zur Welt war verpasst.

Doch auch so boomte die Industrie in Leipzig, im Speziellen in Plagwitz und im angrenzenden Lindenau, mit allen Folgen der Industrialisierung im Guten wie im Schlechten. Um weitläufige Fabrikanlagen wurden Wohnhäuser mit großstädtisch anmutenden Geschosszahlen für die vielen Arbeiter errichtet - 1910 hatte Plagwitz schon 19.500 Einwohner. Straßenzug um Straßenzug entstand, mal repräsentativer, mal mit immer gleichem Gesicht an schlichte Kasernen erinnernd. Lebensader aber war der Karl-Heine-Kanal. Und das nicht nur im industriellen Sinne. Von Anfang an wurde das Wasser in Leipzig auch fürs Freizeitvergnügen genutzt. Die Weiße Elster, die Pleiße und all die anderen verwirrend vielen Fließgewässer, das System aus Kanal und Kanälchen, aus Flüssen und Flüsschen, haben die Leipziger immer mit Sommerfrische und Ausflügen verbunden. Schon früh konnte man Bootstouren machen, Gondeln im venezianischen Stil schaukelten übers Wasser.

 (c)  Spinnerei Archiv
© Spinnerei Archiv
Im Wesentlichen hat sich an der Anlage seit 1907 nichts geändert: Noch heute liegen zwischen Spinnerei und Kanal Schrebergärten. Großbildansicht

Nach dem Zweiten Weltkrieg blieb Plagwitz das industrielle Herz der Stadt. Aber es drohte bald der Infarkt. Die Fabriken - die Benzinwerke, Schwelereien und Teerwerke - sogen weiterhin gierig das Wasser auf und spuckten es immer vergifteter wieder aus. Der Braunkohleabbau verseuchte gnadenlos Flüsse und Kanäle in ganz Leipzig. Zusätzlich zur legendären bleiernen Abgas- und Kohlestaubglocke waren schnell alle Gewässer der Stadt zu Kloaken verkommen. Eine dicke Phenolschaumschicht schwamm auf der Oberfläche, der Gestank war unerträglich. Im bitteren Scherz erzählte man sich, in der Pleiße könne man problemlos Filme entwickeln. In den 1950er Jahren entschloss man sich schließlich zu einem eigenwilligen chirurgischen Eingriff, der weder Ursache noch Symptom behandelte, sondern die Krankheit einfach verleugnete: Die meisten Wasserwege wurden verfüllt und verrohrt, sie wurden unsichtbar gemacht.

 (c)  Roland Rossner
© Roland Rossner
Wegen Grundstückmangels baute man das Wellblechwalzwerk 1937 auf 101 Stelzen direkt an den Karl-Heine-Kanal. Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz förderte 2000 die Restaurierung. Großbildansicht

Tristesse breitete sich aus - vor allem im Industrieviertel Plagwitz. Auch heute, wo praktisch alle Maschinen seit der Wiedervereinigung stillstehen, schmeckt man an vielen Ecken die Armut und den Dreck vergangener Tage. Hier schlagen der massive Arbeitsplatzverlust und mit ihm der Bevölkerungsrückgang - die großen Probleme Leipzigs seit 1990 - besonders hart zu. 80 Prozent der Arbeitsplätze gingen verloren, fast alle Fabriken wurden geschlossen, die Menschen zogen weg. Viele Häuser standen und stehen immer noch mit grauer Haut und hohlen Augen in den Straßen. Ein ganzer Stadtteil verfiel.

Aber seit einigen Jahren regt sich etwas, man spürt Bewegung: Plagwitz verändert sich, es wird wieder wahr- und angenommen. Wie so oft folgten den Arbeitern die Künstler. Allerdings haben nicht alle stillgelegten Fabrikanlagen das Glück der Baumwollspinnerei, die durchgehend genutzt wurde, in der sich schon die ersten Künstler einrichteten, als die letzten Arbeiter noch an den Maschinen standen. Initiativen wie die "Wächterhäuser" des Vereins "HausHalten" nehmen sich vergessener Häuser an und setzen farbliche Akzente. Die Idee ist so einfach wie bestechend: In leerstehenden Gründerzeithäusern siedeln sich zum Selbstkostenpreis Kreative und kulturelle oder soziale Organisationen an und verhindern Vandalismus und den weiteren Verfall des Gebäudes. Der Verein vermittelt zwischen Eigentümern und Nutzern. Tote Häuser werden somit wiederbelebt.

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© Roland Rossner
Die Buntgarnwerke an der Elster zeigen, wie schick Wohnen und Arbeiten in Plagwitz sein kann. 1879–88 als Wollgarnfabrik errichtet, befinden sich heute Lofts, Büros und Praxen in den imposanten Gebäuden. Großbildansicht

Viele Gebäude aber haben das gar nicht nötig: Der Reiz des Quartiers spricht sich herum, es gilt seit einiger Zeit als innovativer Wohnort. Mit der Säuberung und Sanierung des Karl-Heine-Kanals und dem Anlegen eines Fahrradweges an seinen Ufern begann die Genesung. Wohnen am Wasser ist wie in anderen Städten wieder sehr beliebt: Lofts an der Weißen Elster, Wohnungen am Kanal sind heiß begehrt. Und die Architekturen von damals, die auch dem schnöden Gewerbe ästhetischen Anspruch zubilligten, liefern den imposanten Rahmen. Es ist Industriearchitektur von hohem Niveau wie die Buntgarnwerke von 1879-88, Fritz Högers Konsumzentrale von 1929 und das Stelzenhaus, Beispiel ausgefeilter Ingenieurskunst von 1939. Einige fallen schon jetzt ins Auge, sind mit schicken Büros und Restaurants bestückt, andere schlummern noch hinter Mauern verborgen, unscheinbar im Dreck versunken. Peu à peu entsteht auf den Plagwitzer Gewässern erneut ein Wassertourismus. Der Ausflug von damals ist wieder angesagt: Das Geschäft mit Bootsfahrten auf Elster und Kanal läuft prächtig. Auch der weltbekannte Galerist Gerd Harry Lybke schippert seine Gäste gern mit dem Boot bis zu seinen Ausstellungsräumen in der Spinnerei.

Der Traum von Gondelfahrten wird aber auch in anderen Teilen der Stadt geträumt, gerade dort, wo viele es gar nicht vermuten. Die Symptombehandlung "Verrohrung", das effektive Verstecken der Flussverseuchung, wurde in den innerstädtischen Bereichen so konsequent durchgeführt, dass der Verlauf von Pleiße und Elster im Stadtbild nicht mehr aufzuspüren war. Fünf Kilometer Flusslandschaft waren verlorengegangen. Dies zu ändern haben sich verschiedene Bürgerinitiativen zum Ziel gesetzt, sie fordern die Freilegung und Revitalisierung von Pleiße- und Elstermühlgraben. "Neue Ufer" - so sprechend wie zweideutig - nannte sich schon Ende der 1980er Jahre eine Gruppe beherzter Bürger und Künstler. Nicht länger waren sie gewillt, die - wie sie es nannten - Perspektivlosigkeit ihrer Stadt hinzunehmen. Sie initiierten die Aktion "Pleiße ans Licht" und widersetzten sich 1989 mit dem "Pleißemarsch" dem polizeilichen Verbot. Anfangs belächelt und oftmals bekämpft, haben sich bis heute immer mehr Befürworter und Mitkämpfer für die Revitalisierung der Leipziger Flüsse gefunden, darunter Niels Gormsen, von 1990-95 Stadtplanungschef, heute Vorsitzender des Vereins "Neue Ufer".

Erste Erfolge sind zu verbuchen: An der Wundtstraße, der Grassistraße, der Harkortstraße und am Dittrichring gegenüber der Thomaskirche ist die Pleiße wieder ans Tageslicht geholt worden. An der Planung zur Öffnung der Zwischenstücke wird gearbeitet, ebenso wie am Elstermühlgraben, der im Bereich Jahnallee/Ranstädter Steinweg bereits freigelegt wurde. Was in den 1980ern nicht absehbar war: Mittlerweile sind der Bewegung Vertreter der Wirtschaft, von Banken und der Stadtverwaltung beigetreten. Bei Neubauprojekten wird die Idee der Wasserfreilegung mit einberechnet, denn es hat sich herumgesprochen, wie wichtig die sogenannten weichen Standortfaktoren für die Zukunft einer Stadt sind und dass die Uferlage eine Wertsteigerung der Grundstücke bedeutet. "Mit der Öffnung der alten Kanäle werten wir das Stadtbild auf. Das fördert das Image der Stadt und das Lebensgefühl der Menschen", meint Gormsen. Geplant ist die durchgängige Befahrbarkeit von Weißer Elster, Luppe, Pleiße und Floßgraben. Stadtreparatur nennen die Beteiligten ihr Anliegen. Schließlich ist Leipzig einst am Zusammenfluss von Elster und Pleiße gegründet worden, da sich hier die wichtigen Handelsrouten Via Imperii und Via Regia kreuzten.

 (c)  Roland Rossner
© Roland Rossner
Stadtreparatur nennt der Verein "Neue Ufer" das Ziel seiner Aktivitäten. Hier an der Harkortstraße sind die ersten Erfolge zu besichtigen. Blau leuchtende Stelen markieren den freigelegten Pleißemühlgraben vor dem Bundesverwaltungsgericht. Großbildansicht

Eine Stadt holt ihre Flüsse wieder ans Tageslicht und zeigt, dass Visionen realisierbar sind. Was wäre Leipzig ohne solche Visionen? Plagwitz hätte sich nicht zum Stadtviertel der Zukunft entwickeln, eine ehemalige Baumwollfabrik hätte nicht die erstaunliche Wandlung zu einem der gefragtesten Standorte moderner Kunst machen können. Ideen Einzelner ist es zu verdanken, dass es wieder Brücken in der Innenstadt gibt. Leipzig befindet sich im stetigen Wandel. Es ist eine Stadt - im wahrsten Sinne des Wortes - im Fluss. Und die Ironie der Geschichte: Während in Leipzigs Innenstadt und in Plagwitz um jeden Zentimeter Wasser gekämpft werden muss, verwandelt sich das Umland der Stadt - nie von besonderen Reizen gesegnet - gerade in eine regelrechte Seenlandschaft. Das wiederum verdanken die Leipziger, die das neue Naherholungsgebiet mit Begeisterung annehmen, eben jenem Braunkohleabbau, der ihnen einige Jahrzehnte zuvor jedes Wasservergnügen auf solch brutale Art und Weise geraubt hat. Nun gibt es bereits die nächste Vision: eine Anbindung der städtischen Gewässer durch die wunderschönen Leipziger Auenwälder an die Seen der Umgebung. Und einige träumen immer noch vom Anschluss des Karl-Heine-Kanals an die Saale und die Verbindung Leipzigs mit den Meeren dieser Welt.

Beatrice Härig

Mehr Informationen zum Förderverein "Neue Ufer e. V." finden Sie hier

Lesen Sie in dieser Ausgabe auch das Interview mit Niels Gormsen, dem Vorsitzenden des Fördervereins Neue Ufer e.V.

Die 2004 gegründete Wächterhaus-Initiative wurde wegen ihrer innovativen und erfolgreichen Idee gerade in die Förderung der nationalen Stadtentwicklungspolitik des Bundes aufgenommen. Ein Kompetenzzentrum soll Wissen und Konzept weiterentwickeln und in andere Städte exportieren:

Kopfgrafik - linkes Bild: Die Konsumzentrale von Fritz Höger ist ein weiteres Beispiel der 1930er Jahre-Baukunst.

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