Es gibt einen Ort in Leipzig, der gewährt wie kaum ein zweiter Einblicke in diese Stadt: in ihre Vergangenheit, in ihren aktuellen Zustand und womöglich auch in ihre Zukunft. Es ist ein anderes Leipzig, eines jenseits von Bach, Buch und Messe. Dieser Ort, die ehemalige Baumwollspinnerei am Rande des Stadtteils Plagwitz, bewahrt faszinierend unverkrampft Vergangenes mit all seinen Spuren und ist gleichzeitig Nukleus eines hochaktuellen und weltumspannenden Universums. Denn hier haben sich seit 1992 mit der Einstellung der Baumwollproduktion Künstler angesiedelt. Erst vereinzelt, dann immer mehr, schließlich Galerien und alles, was sich im weiteren Sinne mit Künstlertum verbinden lässt. Einer der ersten Maler, der sich in den riesigen Fabrikhallen ein großzügiges Atelier einrichtete, war Neo Rauch, ihm folgten Künstler wie Tilo Baumgärtel und Matthias Weischer. Sie sind nach den unberechenbaren Gesetzen des internationalen Kunstmarktes die zur Zeit mit am höchsten gehandelten Protagonisten der Szene. So wissen alle Kunstkenner dieser Welt, wo und was die Spinnerei in Leipzig ist.
Mit vielen Wassern gewaschen
Leipzigs neue Ufer
Die Vergangenheit lebt mit in den Ateliers. Rostige Schienen und Buckelpflaster auf dem Gelände erzählen vom industriellen Aufbruch und der Goldgräberstimmung früherer Zeiten. Gar nicht so lange her - und doch Zeitalter entfernt - ist die jüngste Vergangenheit: "Der Kollege xy muss besser auf seine Körperhygiene achten und mit geputzten Zähnen zur Arbeit erscheinen", steht in Schönschrift im dort aufbewahrten Brigadetagebuch neben Aufrufen zur Plansollerfüllung geschrieben, und in dem des Kollektivs A. S. Makarenko von 1982 erzählen die Gewerkschaftsmitglieder, "bestes Betriebskollektiv im sozialistischen Wettbewerb", von einer Reise zu den Baumwollfeldern in Taschkent. Heute wird mit Argusaugen von London und New York aus jeder Pinselstrich des Künstlers in den Hallen der einst 4.000 Arbeiter beobachtet, die Werke werden am liebsten schon vor ihrer Ausführung in die Sammlungen der Großen einverleibt. Die Neue Leipziger Schule pulsiert hinter Backsteinmauern, die von außen hingegen unauffällig und seltsam verträumt wirken und damit zu all den anderen Industriebauten von Plagwitz passen.
Das hätte sich der Rechtsanwalt Karl Heine nicht träumen lassen. Er war es, der 1856 die Vision hatte, aus Plagwitz im Westen der Stadt eine blühende Industrielandschaft zu machen. Seine Idee war, quer durch Plagwitz und Lindenau einen Kanal zu bauen. Der sollte der Industrie als Rohstoff- und Warentransportweg dienen und - so der kühne Traum - bis zur Saale führen, um damit einen direkten Wasserweg zum Hamburger Hafen, zum Mittellandkanal und dem Ruhrgebiet zu schaffen. Der Traum wurde unentwegt diskutiert, aber nur zum Teil erfüllt, zu Heines Zeiten wie auch später: Zwar gibt es einige Kilometer hinter der Baumwollfabrik ein Hafenbecken mit Kaimauer und großen Speichergebäuden - als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme unter den Nationalsozialisten ausgehoben -, aber es wurde niemals mit dem Plagwitzer Kanal verbunden. Zwar gibt es westlich von Leipzig einen Kanal, der ist aber ohne jeden Anschluss und nur teilweise geflutet. Fünf Kilometer fehlten letztendlich bis zur Anbindung an die Saale. Das Tor zur Welt war verpasst.
Doch auch so boomte die Industrie in Leipzig, im Speziellen in Plagwitz und im angrenzenden Lindenau, mit allen Folgen der Industrialisierung im Guten wie im Schlechten. Um weitläufige Fabrikanlagen wurden Wohnhäuser mit großstädtisch anmutenden Geschosszahlen für die vielen Arbeiter errichtet - 1910 hatte Plagwitz schon 19.500 Einwohner. Straßenzug um Straßenzug entstand, mal repräsentativer, mal mit immer gleichem Gesicht an schlichte Kasernen erinnernd. Lebensader aber war der Karl-Heine-Kanal. Und das nicht nur im industriellen Sinne. Von Anfang an wurde das Wasser in Leipzig auch fürs Freizeitvergnügen genutzt. Die Weiße Elster, die Pleiße und all die anderen verwirrend vielen Fließgewässer, das System aus Kanal und Kanälchen, aus Flüssen und Flüsschen, haben die Leipziger immer mit Sommerfrische und Ausflügen verbunden. Schon früh konnte man Bootstouren machen, Gondeln im venezianischen Stil schaukelten übers Wasser.












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