Man riecht sie bis heute: die Flut. So nennen die Tragnitzer das Jahrhunderthochwasser, das im August 2002 auch so ruhige Flüsschen wie die Freiberger Mulde weit über ihre Ufer treten ließ. Der Dorfkirche im sächsischen Tragnitz wurde ihre idyllische Lage keine zehn Meter von der Mulde entfernt zum Verhängnis. Eine Idylle, die durch das gegenüberliegende Schulhaus und die Pfarre aus dem 19. Jahrhundert noch verstärkt und selbst durch die knapp an der Westseite vorbeiführende Bahnstrecke nicht beeinträchtigt wird.
Wenn Engel ihr Gesicht verlieren
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Im Gegenteil, der unbeschrankte Bahnübergang bildet eher eine Art Entree zu einem Ensemble, an dem alles an seinem gottgeordneten Platz steht. 2002 aber herrschte blankes Entsetzen. Was Pfarrer Johannes Magirius i. R. niemals für möglich gehalten hätte - und er kennt die Tragnitzer Dorfkirche wie kein zweiter, war er hier doch 36 Jahre Hausherr -, passierte: Flusswasser flutete die Kirche und floss unter die Podeste der Holzbänke. Zwar stieg es zur allgemeinen Erleichterung nur wadenhoch, doch die Feuchtigkeit war blitzschnell in die hölzernen Ausstattungsstücke eingedrungen. Was besonders schlimm war: Das Wasser mischte sich mit auslaufendem Heizungsöl. Ein Jahr lang war der Gestank trotz der sofortigen Rettungsaktionen nicht zu ertragen, und noch heute schnuppert die feine Nase das Öl-Brackwasser. Das Unglück ließ die Tragnitzer aber nicht verzagen, es wurde vielmehr zum Anlass genommen, eine Gesamtsanierung der Kirche zu beginnen. Die war sowieso dringend notwendig. In den letzten beiden Jahren wurde deren erster Teil durchgeführt.
Daher zeigt sich das Gotteshaus dem Besucher auf den ersten Blick aufgeräumt und sauber, es lässt ihm die Muße, ihre stilistischen Besonderheiten nach und nach zu entdecken. Denn der schöne und stimmige Ersteindruck einer spätgotischen Saalkirche mit barocker Chorausstattung wird durch eine charmante Erkenntnis ergänzt: Das Langhaus ist ein reiner Jugendstil-Raum und passt dennoch aufs Beste zur übrigen Kirche. Jedes Detail wurde 1904 vom Leipziger Jugendstilarchitekten Fritz Drechsler und dem Maler Paul-Horst Schulze sorgfältig in den der Zeit eigenen dekorativen Formen gestaltet. Aber keines bestreitet dem ehrwürdigen Chor mit seiner überaus qualitätvollen Ausstattung den natürlichen Vorrang. Es ist diese erstaunliche Harmonie zwischen dem 15., 17. und dem 20. Jahrhundert, die die Denkmalpfleger wohlwollend auf die Tragnitzer Kirche schauen lassen, obwohl vor 100 Jahren das bestehende romanische Kirchenschiff für diese Maßnahme geopfert wurde. Im Gegenteil: Sie zählen die Kirche zu den "architektonisch und kunstgeschichtlich interessantesten Sakralbauten Mittelsachsens" und verweisen ausdrücklich auf die sehr reizvolle "Kombination von mittelalterlicher Substanz, barocker Ausstattung und Jugendstilergänzung".
So wurde nicht nur der Stil der barocken Empore von 1735 und der Felderdecke von 1688 aus dem Chor mit frappierend unbekümmerter Selbstverständlichkeit im Langhaus fortgeführt und kopiert, auch Immaterielles vereinigt die Epochen: Engel aller Zeitalter finden zu einem und verbinden sich im Geiste. Seien es die ephemeren und zarten Wesen aus Schulzes Hand über dem Triumphbogen und im heroisch-strengen Deckengemälde, seien es die majestätischen Engelsgestalten auf den hölzernen Jugendstil-Kerzenleuchtern oder der Engel am Grab im nördlichen Langhaus-Fenster. Oder seien es die ungleich älteren, traurig-wachsamen vier Engelsfiguren mit den Marterwerkzeugen im Chor. Sie stehen auf den Giebeln der Figurennischen, mit denen die Kreuzigungsszene des Altars von 1659 gerahmt wird.












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