Monumente Online

Ausgabe: März 2007

Deutsche Stiftung Denkmalschutz

Schwerpunkt: Interieurs - Bühnen gesellschaftlichen Lebens

 c) Repro / c) Repro Kleine Kulturgeschichte

Das streichelnde Licht

Die Geschichte des Kronleuchters leidet an seiner Zerbrechlichkeit

Lichtblitze verfangen sich in den Brokatbordüren feiner Blazer, im Goldmuster mancher Krawatte und lassen die Damasttischdecke schimmern. Den Gesichtern der Abendgesellschaft schmeichelt der Glanz des Kronleuchters, der sich in den Aperitifgläsern spiegelt. Er ist die Krönung eines jeden Wohnraumes, umhüllt die Gäste mit seiner leuchtend goldenen Wärme und haucht einen Weichzeichner über die Szene.

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Venezianischer Kronleuchter (vor 1739) im Schloss Amalienburg, München. Großbildansicht

Welcher Kontrast zu den achtziger und neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts, als dünne Stahldrähte wie Wäscheleinen die Zimmer durchzogen, an denen nackte Halogenlampen baumelten. Ein Chirurg hätte in dem bis in den letzten Winkel ausgeleuchteten Zimmer operieren, ein Kameramann filmen können. Doch die Tage der schneeweißen Raufasertapeten und des kalten Lichts scheinen wieder vorüber zu sein. Und mit dem Ende der Eiszeit kehrte er zurück, der Kronleuchter, wiederentdeckt auf Trödelmärkten, in Antiquitätengeschäften, und selbst junge Designer entwerfen schwergewichtige Beleuchtungskörper. Wurde damit der neue Barock eingeläutet, blicken wir zurück in die Vergangenheit, um mit neuen Materialien und neuen Ideen die Zukunft ins rechte Licht zu rücken?

Für Kronleuchter gab es solange keinen Bedarf, wie man Feste tagsüber und draußen feierte. Erst gegen Ende des 16. Jahrhunderts - am Ausgang der Renaissance - verlegte die italienische Aristokratie ihre Gesellschaften in geschlossene Räume. Mit den Kristalllüstern ließ sich Staat machen bei Tag und bei Nacht: Tagsüber glitzerte es, wenn sich Sonnenstrahlen in den spiegelnden Flächen brachen, nachts fand der Schein der Kerzen in den funkelnden Prismen einen hundertfachen Widerschein.

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Die Trauung des Großen Kurfürsten mit Louise Henriette von Oranien 1647. Großbildansicht

Eine in der Antike entstandene Fertigkeit in der Steinschneide- und Schleifkunst begünstigte die "Erfindung" des Behang-Kronleuchters in Italien, namentlich in Mailand. Dort ansässige Cristallari (Kristallschleifer) hatten wahrscheinlich die Idee, hängende Leuchter mit geschliffenem Zierrat zu versehen. Denn die Bergkristall-Gefäße, die sie seit dem 15. Jahrhundert für Fürstenhöfe hergestellt hatten, wurden Ende des 17. Jahrhunderts unmodern.

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© Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg/H. Immel
Kronleuchter (um 1740/46) aus Bergkristall, verarbeitet in Mailand, heute im Schloss Sanssouci in Potsdam. Großbildansicht

Vom Norden Italiens also nahm eine epochemachende Entwicklung ihren Lauf. Nachzeichnen lässt sie sich zunächst aber nur mit Hilfe von Kupferstichen und Gemälden, auf denen die empfindlichen "Glaskörper" verewigt wurden. Reale Stücke gingen zu Bruch, und mancher Behang wurde je nach wechselnder Mode ausgetauscht. So hängt einer der ältesten noch erhaltenen Kronleuchter, der vor 1700 entstanden sein soll, heute auf der anderen Seite der Erdkugel, im J. Paul Getty Museum in Los Angeles. Dr. Käthe Klappenbach, die im Auftrag der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg eine erste umfassende kunsthistorische Untersuchung zu Kronleuchtern vorlegte, ist der Ansicht, dass am Anfang der Entwicklung der Bergkristall-Leuchter stand. Der Bergkristall schien sich deshalb besonders zur Ausschmückung der Lüster zu eignen, weil ihm seit dem Mittelalter die Bedeutung "Stein des Lichts" innewohnte.

Schon in der Antike gehörte er zu den beliebtesten Schmucksteinen. Seine ideelle Bedeutung lag teilweise sogar über der von Diamanten, obgleich er nach der sogenannten Mohsschen Härteskala für einen Edelstein zu weich ist. Viel Ruhm trug dem Bergkristall auch die Auffassung griechischer Philosophen ein, er sei zu Eis erstarrtes Wasser. Zudem konnte man dieses Mineral nur mit allergrößter Mühe aus schwer zugänglichen Felsspalten bergen. Riesige Kristalle mussten vorsichtig mit Schlitten die Berge hinuntergezogen werden.

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