MO: Kulturdenkmale sind längst zu einem wichtigen Motor der Tourismusindustrie geworden. Die bayerischen Königsschlösser gehören zu Deutschlands "Topzielen" und sind beispielhaft für das Dilemma der Denkmalpflege: Einerseits hat sie den Auftrag, Kulturgüter zu schützen, andererseits sollen diese einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Welche Auflagen und Pflichten entstehen der Bayerischen Schlösserverwaltung bei der Unterhaltung ihrer Baudenkmale?
© ML Preiss
Kaum jemand möchte sich dieses phantastische Panorama von Schloss Linderhof entgehen lassen.
Dr. Johannes Erichsen: Schlösser erhalten sich leider nicht von allein. Demokratisch gewählte Gremien müssen sie finanzieren, für die Regionen sind sie charakteristische Repräsentationsobjekte und für die Tourismuswirtschaft unentbehrliche Ressourcen. Schlösser sind Aushängeschilder und "weiche Standortfaktoren". Sie lassen sich nicht einfach zuklappen - so schön das aus konservatorischen Gründen manchmal wäre. Wir Verwalter sind daher nicht die Herren, sondern eher die Diener in den Schlössern: Dienstleister für eine Gesellschaft, die via Organisationsmodell und Finanzierung über die Zukunft der Objekte mitentscheidet. Die Politik akzeptiert heute keine teuren Elfenbeintürme mehr, sondern fordert eine Refinanzierung der Ausgaben. Das heißt: Schlösser müssen genutzt und durch Eintrittspreise, Vermietungen und Shops mit getragen werden. Unsere derzeitige Kostendeckung von 56 % inkl. der Baukosten ist sensationell gut, aber erfordert auch heftige Anstrengungen. Eigentlich benötigen wir mehr Geld für konservatorische Maßnahmen.
MO: Welche Aufgaben fallen in den Zuständigkeitsbereich der Museumsabteilung der Bayerischen Schlösserverwaltung?
Dr. Johannes Erichsen: Die Museumsabteilung der Bayerischen Schlösserverwaltung ist primär für die Betreuung des beweglichen Inventars zuständig sowie für die Konzeption von Neuaufstellungen und Sonderausstellungen. Darüber hinaus schult sie die Amtlichen Führer und betreut kunsthistorische Publikationen. Außerdem müssen wir Konzepte für die Besucher erstellen, die auch betriebswirtschaftliche Überlegungen umfassen. Neben dem konservatorischen Anliegen ist uns die Zufriedenheit der Besucher ein hoher Wert. Der Grat zwischen Nutzung und Abnutzung ist bei jedem Schloss anders und meist ziemlich schmal.
MO: Die "Königliche Villa" Linderhof im Oberammergau war einst Lieblingsresidenz Ludwigs II. (1845-1886) und wurde als Ort des Rückzugs erbaut. Wie lässt sich die heutige Situation des Gebäudes beschreiben, das sich kaum vor dem Ansturm an Besuchern aus aller Welt retten kann?
© ML Preiss
Von Touristen abgeschabt: der Goldstuck am versenkbaren Esstisch "Tischlein-deck-Dich".
Dr. Johannes Erichsen: Linderhof war für eine einzige Person gebaut, die dort in königlicher Distanz vom Alltag leben wollte. Heute zwängen sich, wie in allen Schlössern Ludwigs II., Hunderttausende durch die engen Räume. Im vergangenen Jahr waren es 447.000 Besucher. In der Spitzenzeit nach der deutschen Wiedervereinigung doppelt so viele. Für den Bau und die Ausstattung bedeutet das eine ungeheure Belastung, die auch durch das erfolgreiche Reservierungssystem für Besucher nur abgemildert, aber nicht beseitigt wird. An exponierten Stellen ist die Vergoldung bis auf das Holz abgewetzt. Besucher wollen Licht und bringen Staub ins Haus, beides ist Gift für die noch fast vollständig erhaltenen Textilien. Erschwert werden die Bedingungen dadurch, dass die Besucher nicht gleichmäßig fließen, sondern stoßweise in Gruppen kommen. Wegen der Fluchtwege sind wir an geführte Gruppen gebunden, die aufgrund der Anfahrtszeiten vor allem um die Mittagszeit kommen; ein Großteil der Gäste besucht Linderhof mit organisierten Busreisen.
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