Monumente Online

Ausgabe: März 2007

Deutsche Stiftung Denkmalschutz

Schwerpunkt: Interieurs - Bühnen gesellschaftlichen Lebens

 c) ML Preiss / c) R. Rossner Leitartikel

Liebestolle Göttinnen, Blumen und Girlanden

Die Welt der Papiertapeten des 19. Jahrhunderts

In umschmeichelnden Gewändern, mit Blumengirlanden geschmückt, tanzen Mädchen in den Landschaften Illyriens vor dem Tempel der Athene. Die liebestolle Göttin Calypso lässt nichts unversucht, um den jungen Helden Telemach auf ihrer Insel zu halten, Amor und Psyche schwören sich ewige Liebe, und die berühmten Bauwerke von Paris zeugen von der Hochblüte europäischer Kultur. Diese und ähnliche Szenarien spielten sich hinter oftmals verschlossenen Türen ab, wohl bewahrt vor neugierigen Blicken und stolz gezeigt bei besonderen Anlässen.

 (c) R. Rossner
© R. Rossner
Bildtapete "Olympische Feste" im Herrenhaus Rüdigsdorf (Sachsen) von 1824. Großbildansicht

Die Rede ist von Papiertapeten, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts ihren unvergleichlichen Siegeszug in die Wohnzimmer Europas antraten. Zur Verzierung der Wände zog man neben Kalkfarben die unterschiedlichsten Materialien heran wie gegerbte Häute, Binsen, Bast, gewebte Tücher, Leder, Seide oder Federn.

Als im 17. Jahrhundert die Kaufleute der Ostindischen Kompanie handgemalte Rollbilder aus China mitbrachten, wurden auch sie bald begehrte Schmuck- und Sammlerstücke, die jedoch so wertvoll waren, dass sie nur an den reichen Fürstenhöfen Europas zu finden waren. Da sie aus Papier bestanden, und Papier seit dem 13. Jahrhundert auch in Europa immer gebräuchlicher wurde, dachten bald findige Köpfe darüber nach, ob sich wohl Tapeten aus diesem Material im eigenen Land und womöglich günstiger herstellen ließen. Im Gegensatz zu Asien, wo Papier bemalt wurde, verbanden die Europäer es mit der Druckkunst, und so kam man auf die Idee, bedrucktes Papier an die Wände zu kleben. Die aufwendig hergestellten Tapeten waren zwar immer noch teuer, aber zumindest für den Adel und das Großbürgertum wurden sie erschwinglich.

 (c)  ML Preiss
© ML Preiss
Detail der "Telemach-Tapete" im Herrenhaus Borghorst (Schleswig-Holstein) von 1823. Großbildansicht

Zwei französische Firmen - Zuber & Lie im elsässischen Rixheim und Dufour & Leroy in Paris - waren es, die den papiernen Bildtapeten zu Beginn des 19. Jahrhunderts zu ihrem Erfolg verhalfen. In Frankreich wurden die Tapeten "papier panoramique" genannt, da sie nicht ein Muster endlos wiederholten, sondern in immer neuen, vielfältigen und farbig gestaffelten Szenen Geschichten erzählten. Die beiden Konkurrenten überboten sich in Menge und Auswahl der Themen, wobei sie die zu dieser Zeit bestehende Schwärmerei für die Antike und ihre Mythen aufgriffen.

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