Wie hätten es die gnädige Frau und der Herr denn gern? Zurückgezogen im Lesezimmer, unterhaltsam im Spielsaal, mit Überblick auf der Galerie, oder möchten Sie in unserem malerei- und palmengeschmückten Barocksaal Platz nehmen?" So könnte ein in Höflichkeit geschulter Oberkellner des ersten Berliner Kaffeehauses im Wiener Stil die Gäste begrüßt haben. Mathias Bauer, der 1878 Unter den Linden 26 das Café Bauer gegenüber vom Kranzler eröffnete, brachte Wiener Atmosphäre nach Berlin, das damals zu einer Weltstadt heranwuchs. Den Bürgern schuf Bauer eine Bühne, auf der sie wie in sonst keiner anderen deutschen Stadt täglich ihren gesellschaftlichen Auftritt genießen konnten.
Von Kaffa bis zum Coffee Shop
Kleine Kulturgeschichte des Kaffees
Vor welcher historischen Kulisse sie repräsentieren wollten - ob klassisch elegant, altdeutsch-gemütlich in der Renaissancestube oder im barocken Spiegelsaal -, wählten die Gäste in den Palastcafés der Belle Epoque selbst. Vorausgesetzt natürlich, ihre Kostüme waren angemessen - feine Herren trugen Zylinder und die Damen hoch getürmte Hüte, die eher Kunstwerken als einer Kopfbedeckung glichen. Ebenso schnell wie die Mode der Kleider wechselte in der Kaiserzeit die ins Phantastische gesteigerte Kulissenarchitektur der Kaffeehäuser. Auf herrschaftliche französische Kaffeeschlösser oder orientalisch anmutende "Feenpaläste" der Gründerzeit folgten verspielte Jugendstil- und strengere Reformcafés.
Als Gipfel der nach Größe strebenden wilhelminischen Epoche entstanden riesige Häuser wie das Café Picadilly am Potsdamer Platz. 2.500 Gäste fasste das Kaffeehaus 1912. Es scheint, als hätte neben Malern und Literaten ein großer Teil der Bürger seine Zeit beim Kaffee, beim Billard oder debattierend im Zeitungssaal verbracht. Mathias Bauer richtete gar - und das war 1878 eine Sensation in Berlin - ein Damenzimmer für weibliche Gäste ohne Begleitung ein.
Die ersten Kaffeeschenken wurden im 15. Jahrhundert für Pilger in Mekka eingerichtet. Sie nannten sich Schulen der Weisheit, entwickelten sich mit der Zeit aber zu Lasterhöhlen. Kaffee zu trinken geriet bei den Backgammon spielenden Männern immer mehr in den Hintergrund. Statt dessen lockten die Düfte des Wasserpfeifen-Tabaks. Die Türken übernahmen neben dem Glauben auch dieses Getränk von den Arabern. 1554 eröffnete in Konstantinopel das erste wirklich prächtige, mit Teppichen und Bildern geschmückte Kaffeehaus.
Nach Europa gelangte der Kaffee im 17. Jahrhundert, fast zur gleichen Zeit wie die anderen exotischen Genussmittel Tabak, Schokolade und Tee. Die Venezianer, die mit ihrer Handelsflotte das Mittelmeer befuhren, lernten den Kaffee sehr früh kennen. 1645 eröffnete folgerichtig das erste europäische "Caffè" am Markusplatz.
Ehe sich die gepflegte Wiener Kaffeehauskultur mit ihrer verlockenden Duftmischung aus Gebäck und frischgebrühtem Kaffee durchsetzte, sollten zunächst die heute den Tee liebenden Engländer das stimulierende arabische Getränk für sich entdecken. Zwischen 1652 und 1690 öffneten in Englands Hauptstadt über 2.000 Coffee Houses, Coffee Shops und Coffee Stalls. Oft waren es Buden, in denen Kaffee serviert wurde oder "ambulante" Stationen unter freiem Himmel.
"Nun geht und sucht der alte Schlendrian, wie er vor seine Tochter Liesgen bald einen Mann verschaffen kann; doch Liesgen streuet heimlich aus: kein Freier komm' mir in das Haus, er hab es mir denn selbst versprochen und rück es auch der Ehestiftung ein, daß mir erlaubet möge sein, den Coffee, wenn ich will, zu kochen."
Nutzten Goethe, Schiller, Händel und Bach die Leipziger "Bühnen" für den Auftritt in der Öffentlichkeit, trifft man sich heute überall in deutschen Innenstädten in Bars italienischer Couleur oder in den seit einigen Jahren florierenden Coffee Shops. Die "Tempel der Genüsse" nach amerikanischem Vorbild präsentieren sich zwar im schlichteren Kleid, aber lassen wir uns auf ihre Ästhetik ein, können wir am Tresen stehend oder in tiefen Fauteuils versunken den Weg der Bohne in die Tasse sinnlich nachvollziehen. Dort wird ein Erlebnis des Röstens, Mahlens und Kaffeekochens geboten, wo die Tradition alter Kaffeeläden und Kaffeehäuser miteinander verschmilzt
Dr. Christiane Schillig













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