Immer wenn es weihnachtet, dann tauchen mit konstanter Regelmäßigkeit die Geschichten über die Entstehung der geheimnisumwobenen Köstlichkeit "Marzipan" auf. Die Idee, aus Mandeln, Zucker und Rosenöl ein wohlschmeckendes Konfekt herzustellen, stammt wahrscheinlich aus dem Orient. Dort, wo Mandelbäume gediehen und schon zu Zeiten des berühmten Arztes Galenos von Pergamon das aus Indien stammende Zuckerrohr kultiviert wurde. Thomas Mann, der sich mit seinen Lübecker "Buddenbrooks" in die Weltliteratur geschrieben hatte und der Marzipan keineswegs verschmähte, vermutete, "daß man ein Haremskonfekt vor sich hat, und daß wahrscheinlich das Rezept zu dieser üppigen Magenbelastung über Venedig nach Lübeck an irgendeinen alten Herrn Niederegger gekommen ist." Darauf deutet zumindest der Name "Marzipan" hin: Marci panis, das Brot des Marcus, des Schutzheiligen der Stadt Venedig.
Das Brot des Marcus
Eine kleine Kulturgeschichte des Marzipans
Solche "Anwendungen" des Marzipans konnten den Siegeszug als schmackhaftes Konfekt aber nicht aufhalten. Und wie zu jeder Tafelfreude ein Überraschungseffekt gehörte, so verwundert es nicht, dass mit der geschmeidigen und formbaren Masse Marzipan fleißig hantiert wurde. Grimmelshausen schildert in seinem "wunderbarlichen Vogelnest" von 1672, dass auf den Tafeln "gantze Thurm und Schlösser aus Marzipan stunden".
Kein Wunder, dass sich auch der Lübecker Marzipanbäcker Niederegger, dessen 1806 gegründetes Unternehmen in diesem Jahr sein 200jähriges Bestehen feiert, solcher Motive bediente.
Bevorzugte Darstellungen aus Marzipan waren die historischen Bauwerke der alten, ehrwürdigen Hansestadt. Aber auch auf den Marzipanetiketten erschienen immer wieder die Stadtsilhouette, die Plätze wie Markt, Klingenberg und Koberg, die Tore, wobei das Lübecker Holstentor absolut dominierte. Die Entwürfe von Alfred Mahlau (1894-1967) aus den zwanziger und dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts bestimmen auch heute noch das äußere Erscheinungsbild der meisten Marzipanschachteln. In den festlichen Farben des Barock Weiß, Rot und Gold sind sie zeitlos in ihrer Prägnanz und Ausdruckskraft. Jahr für Jahr tragen sie über 400 Millionen Mal in Marzipan geformt oder auf Marzipanschachteln gedruckt die historischen Bauwerke der einstigen Königin der Hanse in alle Welt hinaus. Warum das so ist? Weil die überlieferten Werte der gebauten Umwelt in hohem Maße Identifikationsträger unserer alten Städte sind und ihnen in ihrer Unverwechselbarkeit städtebaulichen Rang und Erlebniswert geben. Mit den historischen Baudenkmalen zu werben, verrät nicht nur kaufmännischen Stil und Geschmack, sondern zahlt sich offenbar aus.
Dr. Robert Knüppel













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