Die Industrialisierung hat diese Volkskunst mit dem Vordringen von Fertigprodukten restlos zerstört, der Baustoffhandel und die Fertighausindustrie unserer Zeit, die ihre Produkte bundesweit ohne Rücksicht auf die Verschiedenheit der Kunstlandschaften zwischen Alpen und Nordsee verbreiten, haben das ihrige dazu beigetragen. Die Perfektion neuer Produkte mit ihrer pflegeleichten Glätte prägt den Geschmack der Landbevölkerung noch stärker als den der Bürger in der Stadt und ließ die historischen Kratz- und Stippputze nahezu restlos verschwinden.
Kunst am Bauernhaus
Ornamente der Volkskunst lassen sich zeitlich schwer einordnen, da es für die bescheidenen Nutzbauten keine urkundlichen Nachrichten, häufig auch keine Bauinschriften gibt. Gegenüber den fest datierten Vorbildern der städtischen Kunst muss man wegen der konservativen Grundhaltung des Dorfes mit beachtlichen zeitlichen Verschiebungen rechnen. So wären die abgebildeten Beispiele dem 18. oder 19. Jahrhundert zuzuordnen. Dagegen kann das Beispiel für die Strukturierung von Putzfeldern eines städtischen Fachwerkhauses im hessischen Bad Hersfeld, Kirchplatz 5, durch die dendrochronologische Altersbestimmung des Bauholzes auf etwa 1452 eingegrenzt werden. Bei der vor etwa 20 Jahren durchgeführten Instandsetzung entdeckte man unter späteren Putzlagen den originalen gotischen Putz. An der dem Kirchplatz abgewandten Langseite hatte er eine besondere Struktur erhalten. Sie war dadurch entstanden, dass man im feuchten Zustand mit einem dreieckigen Holz ein Muster eingedrückt hatte. In einem Gefach im obersten Geschoss der Fassade wurde ein Schachbrettmuster aus zwei Lagen unterschiedlich dunklen Putzes herausgekratzt. Wegen der hohen Kosten konnte man die anderen Gefache nicht nach diesem mittelalterlichen Vorbild rekonstruieren, hat sie aber vorbildlich mit einem heute in der Denkmalpflege empfohlenen Kellenputz versehen.
Dabei kommt es darauf an, dem Putz jene natürliche Oberflächenbewegung zu lassen, die beim Verputzen allein mit der Kelle und ohne Einsatz moderner Reibebretter von allein entsteht. Ein für heutige Neubauten geforderter, absolut glattgezogener Putz würde nicht zu den ungleichmäßigen, ganz im natürlichen Wuchs der Stämme belassenen Ständern, Riegeln und Schwellen passen. Sie sind nicht aus einem dicken Stamm glatt herausgesägt, sondern mit der Breitaxt aus dem Rundholz zu einem rechteckigen Querschnitt bearbeitet worden. Die Bearbeitungsspuren und Altersrisse verleihen dem Eichenholz eine lebendige Oberfläche, die in den Putzfeldern mit leicht bewegter Oberfläche und dem Spiel von Licht und Schatten eine Entsprechung findet.
Es wird nicht leicht sein, ähnliche Beispiele wie die hier gebrachten aufzuspüren, doch mit geschärftem Auge kann man vielleicht manche Entdeckung machen oder sich ein Urteil über zeitgenössische Putzfelder bilden.
Professor Dr. Dr.-Ing. E. h. Gottfried Kiesow













Ihr Kommentar
Kommentare anderer Leser
Schreiben Sie den ersten Kommentar.
Die Redaktion behält sich die Prüfung, Bearbeitung und Kürzung von Kommentaren vor, bevor sie online gestellt werden.