Das Fachwerk prägt zahlreiche Ortsbilder in Deutschland. Es gewann im Laufe seiner Geschichte und in den verschiedenen Kulturlandschaften eine Fülle von Erscheinungsformen. Man sollte es deshalb nicht nur als geschlossene Wand in anheimelnden historischen Dörfern und Städten, sondern auch im Detail wahrnehmen. Dabei wird man immer wieder Neues entdecken und Zusammenhänge erkennen zwischen dem praktisch Notwendigen und dem Bereichern mit Schmuckformen.
Kunst am Bauernhaus
Auf den Spuren einer alten Volkskunst
Deshalb gilt es, sich nicht nur mit dem hölzernen Gerüst aus Ständern und Riegeln oder mit den Ausfachungen zu befassen, sondern sich auch der Gestaltung der Gefache zu widmen. Bei bäuerlichen Nutzbauten im ländlichen Raum trug man auf das Flechtwerk in den Gefachen einen einfachen Lehmputz auf, den man mit einem Holzkamm an der geglätteten Oberfläche aufraute, um eine Haftbrücke für den geplanten Kalkputz zu schaffen, wie es an einem Fachwerkhaus am Fischmarkt in Limburg während der Bauarbeiten zu erkennen war. Der hier neu geschaffene Lehmputz zeigt die traditionelle Art der Verarbeitung. Mit diesem einfachen Lehmputz hat man sich aber vielfach nicht begnügt, sondern in den noch feuchten, weichen Lehmputz allerlei Ornamente mit Hilfe eines Holzstabes eingedrückt, so wie dies an einer Scheune im hessischen Schotten-Eichelsachsen (Vogelsbergkreis) gut erhalten ist. Man erkennt stilisiert dargestellte Tiere und Pflanzen, eingefasst von einem Rahmenprofil. Ob hier eine weiße Kalkschlämme vorhanden war und abgewittert ist, ist nicht mehr abzulesen.
Bei einer Scheune in Herzhausen (Kreis Marburg-Biedenkopf, Hessen) liegt auf dem Unterputz aus Lehm ein Kalkputz, in den hinein geometrische Felder, besetzt mit Kreisen, eingedrückt worden sind. Die plastische Wirkung der vertieften Teile wurde durch eine Art von Schraffur verstärkt, die der erhabenen Stellen durch die Kalkschlämme hervorgehoben.
Neben diesem Verfahren zur Verzierung der Gefache, das Stippputz genannt wird, konnte man früher häufig den Kratzputz beobachten, der jetzt leider sehr selten geworden ist, da die originalen Putzfelder aus Mangel an Pflege abgefallen sind, für die Herstellung neuer aber die geeigneten Handwerker fehlen. In Bellnhausen (Kreis Marburg-Biedenkopf) wurde vor mehr als 30 Jahren ein besonders schöner Kratzputz fotografiert.
Bei dieser Technik wurde der Putz in einer unteren dunklen und einer oberen hellen Lage aufgetragen, dann die obere so herausgekratzt, dass sich vor dem dunklen Untergrund helle Ornamente oder Figuren abheben. Dies kann flächig oder, wie in einem anderen Beispiel aus Herzhausen, auch im Flachrelief erfolgen. Im Grunde ist es die Technik des italienischen Sgrafitto, nur für den bescheideneren Zweck von der höfischen Kunst in die Volkskunst übertragen. Das trifft auch für die Ornamentik selbst zu, die ihre eigene Qualität besitzt und die man nicht an der hauptberuflich tätiger, akademisch geschulter Künstler messen darf. Es waren die Bauern selbst oder Handwerker, die häufig zugleich eine kleine Landwirtschaft betrieben und die sich trotz schwerer körperlicher Arbeit und bescheidener Lebensumstände die Freude an der Verschönerung ihrer Umwelt bewahrt hatten. Dabei verfügten sie trotz fehlender Ausbildung über eine geradezu traumhafte gestalterische Sicherheit, wie man sie auch an den Bemalungen alter Bauernmöbel feststellen kann.













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