Die zahlreichen Architekten und Berater - unter ihnen der Kölner Dombaumeister Richard Voigtel -, die schließlich am Bau der Villa Hügel beteiligt sind, schaffen es nicht, den zur Eile drängenden Bauherrn von der Unzulänglichkeit seiner Pläne zu überzeugen, die er zu allem Überfluss auch noch während der Bautätigkeit ändert. Es ist erstaunlich, dass die Familie ihre Villa dennoch am 10. Januar 1873, also weniger als drei Jahre nach der Grundsteinlegung, beziehen kann.
Spur einer Industriellenfamilie
Die raffiniert erdachte Heizungs- und Klimaanlage erfüllt jedoch zunächst ihre Dienste ganz und gar nicht. "Im Hause wird Einer nach dem Anderen krank von Zug, man kann bei Wind sich nicht retten", klagt Alfred Krupp daher auch kurz nach dem Einzug. "In der Halle oben und in den übrigen Corridors genießen wir nach Tische nochmals den ganzen Duft der Küche." Erst 1883, nach einem gründlichen Umbau, wird die Anlage funktionieren.
Die Villa Hügel besteht aus einem dreigeschossigen Haupthaus mit Belvedere und einem Logierhaus, die miteinander verbunden sind. Sage und schreibe 269 Räume verteilen sich auf 8.100 Quadratmeter. Zwei jeweils 432 Quadratmeter große Hallen dominieren das Erdgeschoss und das erste Stockwerk des Haupthauses. Im Parterre befanden sich die offiziellen Gesellschaftsräume, im ersten Stock die privaten Salons und Schlafräume von Bertha und Alfred Krupp, ein Musiksalon und das Arbeitszimmer des Hausherrn. Darüber lagen die Junggesellenwohnung Friedrich Alfred Krupps und Gästezimmer, im Dachgeschoss die Zimmer einiger Bediensteter.
Die Villa ist von einem weitläufigen Park umgeben, der immer wieder Blicke auf den Baldeneysee freigibt, den es allerdings Ende des 19. Jahrhunderts noch gar nicht gab. Erst 1933 wurde die Ruhr anlässlich einer großen Arbeitsbeschaffungsmaßnahme zu dem 2,64 Quadratkilometer großen See aufgestaut. Da Alfred Krupp "einen Wald von Bäumen um die Besitzung ... noch bei Lebzeiten genießen" möchte, lässt er fünfzigjährige Buchen, Eichen, Platanen, Tannen und Fichten in den Park verpflanzen. Auf dem riesigen Gelände entsteht wiederum ein Reitstall, aber auch eine Gärtnerei. Eine eigene Gasanstalt hat bereits 1871 ihren Dienst aufgenommen, 1874 folgt ein Wasser-, 1896 ein Elektrizitätswerk. Zwischen 1895 und 1916 entsteht für die Beschäftigten des Hügels - ihre Zahl ist für das Jahr 1902 mit 570 angegeben - nördlich der Villa die Wohnsiedlung Am Brandenbusch.
Neben Kunden der Kruppschen Gussstahlfabrik und Königen vieler Länder besucht auch immer wieder der deutsche Kaiser die Villa Hügel, die rasch repräsentativer Betriebsteil der Firma wird. Wilhelm I. wird noch von Alfred Krupp empfangen, der 1887 stirbt. Bertha folgt ihm ein Jahr später.
Kaiser Wilhelm II., dem beim Anblick des stattlichen Wohnhauses ein "Unjlaublich!" herausrutschte, ist zwölfmal zu Gast bei den Krupps. Er wird auf der 1890 errichteten, heute noch vorhandenen Bahnstation "Hügel" empfangen. Auf Einladung von Margarethe Krupp - seit 1882 Ehefrau und seit 1902 Witwe von Friedrich Alfred Krupp - kommt der Kaiser sogar mit "kleinem Gefolge" zur Hochzeit ihrer Tochter Bertha mit Gustav von Bohlen und Halbach, die 1906 auf dem Hügel gefeiert wird.
Die Brautmutter nimmt dieses Ereignis zum Anlass, die "Margarethe Krupp-Stiftung für Wohnungsfürsorge" zu gründen, die sie mit einer Million Mark und zunächst 50 Hektar Land ausstattet. Diese Schenkung steht ganz im Zeichen der sozialfürsorglichen Tradition des Hauses Krupp. Denn bereits 1836 gibt es eine freiwillige Hilfskasse für Krankheits- und Todesfälle; 1872 entsteht ein eigenes Werkskrankenhaus. Um 1870 lässt Alfred Krupp größere Arbeitersiedlungen mit Schulen und Konsumanstalten bauen. Er reagiert damit auf die dramatischen Wohnverhältnisse seiner Arbeiter, die sich allerdings nicht von denen anderer Industriestädte unterscheiden.
Die durchschnittliche Zahl der Bewohner eines kleinen Essener Mietshauses war von 7,5 im Jahr 1840 auf 15,5 im Jahr 1871 gestiegen. Bis 1874 entstehen mehr als 2.500 Wohnungen für Werksangehörige. Ganz uneigennützig ist die Fürsorge Alfred Krupps seinen Arbeitern gegenüber jedoch nicht: Er möchte sie an sein Unternehmen binden. Betätigen sie sich allerdings politisch, verlieren sie sofort ihre Arbeit und ihre Wohnung. "Nach getaner Arbeit verbleibt im Kreise der Eurigen und sinnt über Haushalt und Erziehung. Das sei Eure Politik, dabei werdet Ihr frohe Stunden verleben", heißt es in einer Ansprache des Firmenchefs an seine Arbeiter.
Und die "Kruppianer", wie sich die Werksangehörigen stolz nennen, nehmen manche Einschränkungen ihrer persönlichen Freiheit hin, weil sie die Annehmlichkeiten, die ihnen ihr Arbeitgeber bietet, nicht missen wollen.
Heute gibt es in Essen kaum noch Zeugen dieser älteren Arbeitersiedlungen. Am Gussmannplatz steht lediglich ein Rest der Siedlung "Altenhof I", die in den Jahren 1893 bis 1896 und 1899 bis 1907 - meistens nach Plänen von Robert Schmohl, dem Leiter des Kruppschen Baubüros - für kranke und alte Kruppianer errichtet wurde. Die Gartenstadt-Idee, die in der Mitte des 19. Jahrhunderts in England aufgekommen und von Ebenezer Howard 1898 formuliert worden war, konnte Schmohl bei dieser Siedlung bereits in Ansätzen verwirklichen.













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