Monumente Online

Ausgabe: Januar 2006

Deutsche Stiftung Denkmalschutz

Schwerpunkt: Kathedralen der Arbeit – Bauten der Industrie und Technik

Villa Hügel und Margaretenhöhe (c) F. Laubenthal Denkmal im Blickpunkt

Spur einer Industriellenfamilie

Essen und die Krupps

Der Chronometer im Portierzimmer der Villa Hügel zeigt neun Uhr. Sofort wird diese Zeit allen Morsestationen der Kruppschen Gussstahlfabrik telegrafiert. Eigens damit betraute Angestellte überprüfen daraufhin die Turm-, Büro- und Werkstattuhren und korrigieren, wenn nötig, die Zeiger. Denn Alfred Krupp hatte feststellen müssen, dass die Uhren seines Werkes eine "grauenhafte Differenz" aufwiesen. Am 14. Dezember 1872 macht er daher seine Villa kurzerhand zur zentralen Messstation des Unternehmens. Er erwägt sogar, sämtliche Turmuhren Essens nach seinem Chronometer stellen zu lassen, damit die Arbeiter auch pünktlich zur Schicht erscheinen.

Alfred Krupp ließ die pompöse Villa Hügel für seine Familie erbauen (c) Florin Laubenthal
© Florin Laubenthal
Alfred Krupp ließ die pompöse Villa Hügel für seine Familie erbauen Großbildansicht

Es lassen sich viele Episoden wie diese aus dem Leben Alfred Krupps erzählen, der aus der 1811 gegründeten Fabrik seines Vaters Friedrich einen Weltkonzern und die bis dahin eher unbedeutende Stadt Essen zum wirtschaftlichen Zentrum des Ruhrgebietes machte. Der das Angebot des Kaisers, geadelt zu werden, mit den Worten ablehnte: "Ich heiße Krupp, das genügt". Und der sieben Architekten "verbrauchte", um die Villa Hügel exakt nach seinen Plänen bauen zu lassen.

Die von Friedrich Krupp während der Kontinentalsperre Napoleons gegen England gegründete Fabrik "zum Zweck der Verfertigung des englischen Gussstahls und aller daraus resultierenden Fabrikate" im Zentrum Essens steht zunächst unter keinem guten Stern. Nach anfänglichen Schwierigkeiten gelingt es Krupp zwar, 1816 endlich ein Verfahren für die fabrikmäßige Herstellung von qualitativ hochwertigem Tiegelgussstahl zu entwickeln. Doch er wird krank und kann die Mittel, die er in den Bau einer großen Werkshalle für acht Schmelzöfen und eines Aufseherhauses vor dem Essener Stadttor an der Chaussee nach Mülheim investiert hat, durch den Verkauf von Feilen, Münzstempeln oder Walzenrohlingen nicht wieder ausgleichen. Friedrich Krupp muss schließlich mit seiner Familie aus dem schönen Patrizierhaus am Flachsmarkt in das kleine Aufseherhaus auf dem Fabrikgelände umziehen.

Bertha, Alfred und Friedrich Alfred Krupp, um 1869 (c) Historisches Archiv Krupp
© Historisches Archiv Krupp
Bertha, Alfred und Friedrich Alfred Krupp, um 1869 Großbildansicht

Als er dort 1826 stirbt, ist sein ältester Sohn erst vierzehn Jahre alt. Dass es Alfred dennoch gelingt, die Fabrik - zunächst zusammen mit seiner Mutter Theresia und seinen beiden jüngeren Brüdern Hermann und Friedrich - aus den roten Zahlen zu bringen, hängt nicht zuletzt mit den von ihm um 1850 entwickelten nahtlos geschmiedeten und gewalzten Radreifen für Eisenbahnen zusammen. Sie erweisen sich als bruchsicher und erlauben daher höhere Geschwindigkeiten. 1875 bestimmt Krupp drei übereinanderliegende Radreifen zum Firmensignet. Die drei Ringe sind noch heute im Logo des ThyssenKrupp-Konzerns enthalten.

Die rasante Entwicklung, die Alfred Krupps Gussstahlfabrik in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auch durch die Produktion von Kanonen nimmt, lässt sich an seinen sich verändernden Wohnverhältnissen ablesen. Als er 1848 Alleininhaber der Gussstahlfabrik wird, wohnt die Familie noch in dem kleinen Fachwerkhäuschen, das ursprünglich für die Aufseher der Firma errichtet worden war. 1961 wiederaufgebaut, erinnert es bis heute an die bescheidenen Anfänge des Unternehmens.

1844 lässt Alfred Krupp zwischen diesem "Stammhaus" und der Werkshalle einen zweigeschossigen Verbindungsbau errichten, in dem auch ein Logierzimmer für Gäste und ein kleiner Saal eingerichtet werden. Krupp empfängt dort 1853 Prinz Wilhelm von Preußen, den späteren Kaiser, und fünf Jahre später Erzherzog Johann von Österreich.

Das Stammhaus der Krupps  (c) Historisches Archiv Krupp
© Historisches Archiv Krupp
Das Stammhaus der Krupps Großbildansicht

Als der preußische Ministerpräsident Otto von Bismarck dem Essener Industriellen 1864 seine Aufwartung macht, wird er bereits im sogenannten Gartenhaus empfangen. Alfred Krupp hatte dieses großzügige Wohngebäude mit zwei angrenzenden Gewächshäusern und einem "Fremdenhaus" in den Jahren 1859 bis 1861 - inzwischen mit Bertha Eichhoff verheiratet und Vater eines Sohnes - nach seinen Plänen vom Architekten Ferdinand Barchewitz mitten auf dem Firmengelände errichten lassen. Weil Krupp inzwischen auch seine Leidenschaft fürs Reiten entdeckt hatte, entstand gleichzeitig ein Reitstall mit einer Reitbahn.

Doch bereits im Herbst 1864 - die Zahl der Arbeiter war von sieben im Jahre 1826 auf mittlerweile 7.000 gestiegen - zieht die Familie wieder um. Denn kaum hundert Meter vom Gartenhaus entfernt hatte Krupp einen mächtigen Schmiedehammer bauen lassen und ihn nach dem Rufnamen seines Sohnes Friedrich Alfred "Fritz" getauft. Dieser Hammer lässt das Gartenhaus erzittern, so dass die Krupps auf die Ruhrhöhen südlich von Essen fliehen.

Die Gartenseite der Villa Hügel (c) Florin Laubenthal
© Florin Laubenthal
Die Gartenseite der Villa Hügel Großbildansicht

Dort hatte Alfred Krupp durch den Leiter des Krupp-Baubüros, Gustav Kraemer, das Landgut Klosterbuschhof zu einer Villa umbauen lassen. In dieser ländlichen Idylle reifen schließlich die Pläne, im heute zu Essen gehörenden Bredeney einen Familiensitz zu errichten, der dem "Comfort der kleinen Häuslichkeit" ebenso genügen soll wie einer ausnahmsweise großen Gesellschaft "mit Ersten Ansprüchen".
Alfred Krupp war ein Techniker und kein Künstler. Daher entwirft er mit der Villa Hügel auch folgerichtig ein Gebäude, das weniger auf ästhetische denn funktionale Gesichtspunkte abgestimmt sein soll. Viel Zeit investiert er in die Pläne für eine Klima- und Heizungsanlage, für die Beleuchtung und die Wasserversorgung. Aber er sucht auch nach einem Ort, an dem er sich erholen kann, ohne weite Reisen unternehmen zu müssen. Denn er hatte 1867 einen Nervenzusammenbruch erlitten, von dem er sich nur langsam im englischen Seebad Torquay erholte. Die Geschicke der Fabrik hatte er bereits 1862 in die Hände einer Geschäftsleitung, der sogenannten Prokura gelegt, die er allerdings weiterhin mit Anweisungen versorgt.

Artikel zum Thema
Streiflichter
Denkmale im Blickpunkt aller Ausgaben
  • Denkmal im Blickpunkt aller Ausgaben
Newsletter

Einfach und bequem

Lassen Sie sich per E-Mail informieren, wenn eine neue Ausgabe von Monumente Online erscheint.

Deutsche Stiftung Denkmalschutz