Monumente Online

Ausgabe: November 2005

Deutsche Stiftung Denkmalschutz

Schwerpunkt: Altäre, Kanzeln, Andachtsbilder - Kostbarkeiten in Kirchen

Limburger Dom (c) ML Preiss Leitartikel

Im Wandel der Zeit

Die Restaurierung der 1930-er Jahre

Unter der Leitung des Architekten Willy Weyres fanden zwischen 1934 und 1935 anlässlich der 700-Jahrfeier im Jahre 1935 weitere Restaurierungsarbeiten statt. Sie zeigten im Bereich der Ausstattung deutliche Bestrebungen, das neogotische Mobiliar, dessen künstlerischen Stil man nach 60 Jahren als unzeitgemäß empfand, zu reduzieren und vereinzelt durch Neues in moderner Formensprache zu ersetzen. Neben diesen veränderten ästhetischen Vorstellungen wünschte sich das Domkapitel eine Vergrößerung der Fläche um den Hochaltar sowie die Aufstellung von Bänken im Chor für die Geistlichkeit. Für den ersten Wunsch war bereits Anfang 1928 das Stiftergrabmal in die südliche Querhauskonche der Empore transloziert worden. Dort bettete man das Haupt des Stifters allerdings nach Osten und nicht, wie eigentlich für Laien üblich, nach Westen. Mit dieser Maßnahme trennte man abermals Gebeine und Grabmal voneinander, denn im Boden der Vierung verblieb das eigentliche Grab des Stifters, dessen Standort durch eine in den Fußboden eingelassene Grabplatte markiert wurde.

Chorraum mit Ausstattung der 1930-er Jahre (c) Foto Heinz / Limburg
© Foto Heinz / Limburg
Chorraum mit Ausstattung der 1930-er Jahre Großbildansicht

Die Podest- und Stufenanlage der 1870-er Jahre blieb im Wesentlichen erhalten, jedoch ermöglichte die entstandene Freifläche in der Vierung eine Vergrößerung des oberen Podestes um 90 cm nach Westen, wodurch Platz für liturgische Handlungen gewonnen wurde.
Entsprechend den gewandelten ästhetischen Prämissen befreite man die vorhandenen Ausstattungsstücke des Chores vom historistischen Dekor, so dass z.B. die steinerne bzw. schmiedeeiserne Einfassung der Vierung durch eine in rechteckige Felder geteilte, hölzerne Kommunionbank ersetzt wurde oder man an der Kathedra die neogotischen Schnitzereien beseitigte. Den Hochaltar halbierte man um eine Mensa und entfernte seine historistische Leuchtergarnitur und den Baldachinaufbau.

Mit der Farbigkeit und dem Übermalungsmodus der restaurierten staufischen Wandfassung der 1930-er Jahren sollte abermals ein "authentischer" Originalzustand gezeigt werden. Die Gewölbe- und Wandfassungen waren jedoch nun vom expressionistischen Geschmack und von zeitspezifischen Mittelaltervorstellungen geprägt, die Gestaltung und Wirkung beeinflussten.

Die Restaurierung in Folge des II. Vatikanums 1969–91

Maßgeblich für die Veränderungen des Chor- und Altarbereiches in den 1970-er Jahren war das II. Vatikanische Konzil (1962-65), dessen Vorgaben insbesondere eine bewusste Teilnahme der Gläubigen an den liturgischen Handlungen beabsichtigte. Im Altarraum sollen Altar, Ambo und Vorstehersitz z.B. durch räumliche oder materialspezifische Bezüge eine gestalterische Einheit bilden, in deren Zentrum der Altar stehen soll, der von der Gemeinde nicht zu weit entfernt sein und optisch und akustisch bestmögliche Kommunikation gewährleisten soll. Parallel fand bei der Gestaltung der neuen Ausstattungsstücke der Wunsch nach modernem Formenvokabular und zeitspezifischer Ästhetik Anwendung.
Bereits im Herbst des Jahres 1971 wurde eine Kommission zur Erstellung eines Gesamtkonzepts installiert, deren Gutachten von 1973 einen neuen Fußboden, Hochaltar, Ambo und neue Priestersitze vorsah. Darüber hinaus waren die Stufenanlage im Chor, das Chorgestühl und die Kathedra zu verändern sowie eine Sakramentskapelle mit Sakramentshaus samt Abschlussgitter einzurichten. Als Gewinner des ausgeschriebenen Wettbewerbs wurde im März 1974 der Bildhauer Hubert Elsässer mit dem Auftrag betraut, der im Zeitraum von drei Jahren aus seinen Wettbewerbsmodellen das heutige Ensemble entwickelte.

Grundriss, gegenwärtiger Zustand (c) Bischöfliches Ordinariat Limburg
© Bischöfliches Ordinariat Limburg
Grundriss, gegenwärtiger Zustand Großbildansicht

Der heutige Altarbereich wird durch ein großes Podest mit Stufenanlage zwischen den Vierungspfeilern gegliedert, wobei der Altar seinen neuen Aufstellungsort mittig unter der Vierungskuppel hat. Abgeschrägte Stufen an den westlichen Ecken korrespondieren mit der oktogonalen Vierungskuppel sowie mit den abgeschrägten Vierungspfeilern. Eine weitere Stufe im östlichen Teil erhöht das Presbyterium. Begrenzungen durch eine Kommunionbank erfolgen in Folge des II. Vatikanums nicht mehr; ebenfalls wurde die Kanzel beseitigt und statt ihrer ein Ambo im Vierungsbereich aufgestellt, an dem die Wortverkündung erfolgt.

Der neue Altar hatte deutlich die Material- und Formästhetik des 20. Jahrhunderts zu artikulieren und sich durch die Materialwahl vom Raumdunkel seiner Umgebung abzuheben. Außerdem wählte man eine farbliche Übereinstimmung mit dem neuen Tonfliesenboden (in Lang-, Querhaus und Chorumgang) sowie mit der Podestanlage, so dass sich Stufen, Podeste und Altar in gelbem Sandstein präsentieren. Durch den rechteckigen Grundriss und die ebenfalls vier leicht abgeschrägten Ecken gewährleistet der Altar auch einen Formalbezug zu den Raumelementen wie Vierungspfeilern und -kuppel sowie den Podeststufen. Er steht gemäß der Konzilsforderung frei in der Vierung, so dass die Eucharistiefeier versus populum, also in Richtung auf die Gläubigen hin erfolgen kann.

Mit der neuen Ausstattung und Umstrukturierung des Vierungs- und Binnenchorbereichs erfüllte sich der geforderte Wunsch nach Monumentalität und Einheitlichkeit. Gleichzeitig erfolgte eine Adaption der historischen Raumkonstellation durch bewusste Bezugnahme auf den Stiftsherrenbereich oder durch den neuen Standort des Altars im Zentrum der Vierung, da dieser ungefähr mit dem historischen Standort des Kreuzaltars übereinstimmt.
Im Zuge der Erneuerungsmaßnahmen und der liturgischen Vorgaben erhielt der Vierungsbereich neben dem Ambo sechs Altarleuchter, ein Vortragekreuz und Sedilien durch den Künstler. Die Aufstellung der neuen Kathedra (ebenfalls von Elsässer) orientiert sich am Standort der vorangegangenen im Scheitel des Binnenchores und wird ebenso wie diese vom Chorgestühl flankiert.

Chorbereich mit gegenwärtiger Ausstattung (c) Bischöfliches Ordinariat Limburg
© Bischöfliches Ordinariat Limburg
Chorbereich mit gegenwärtiger Ausstattung Großbildansicht

Das Stiftergrabmal erhielt abermals einen neuen Standort, jedoch nicht am historischen Aufstellungsort in der Vierung, da durch die Neuordnung von Chor und Vierung dieser Bereich in die Liturgie integriert wurde. Es wurde letztendlich im Nordquerhaus aufgestellt, im Schnittpunkt der Mittelachse des Querschiffs und der nordöstlichen Kapelle, in der Nähe seines Standpunktes von 1777. Am 30. Juni 1976, dem Todestag des Stifters, wurde die Umbettung durchgeführt, so dass heute Gebeine und Grabmal Konrad Kurzbolds wieder vereint im Nordquerhaus zu finden sind.

Der ursprüngliche mittelalterliche Standort des Taufbeckens wird heute im Südquerhaus lediglich durch eine dunkle runde Platte im Fußboden markiert, da der Taufstein 1965 von seiner Aufstellung in der Halle des nördlichen Westturms in die Erasmuskapelle am südlichen Seitenschiff transloziert wurde und somit ebenfalls nicht an seine ursprüngliche Stelle zurückkehrte.
Als Ergebnis dieser Maßnahmen präsentiert sich der Limburger Dom abermals als frisch restaurierter Raum mit neuer liturgischer Ausstattung, die per se ein neues Denken der katholischen Kirche nach dem II. Vatikanischem Konzil zum Ausdruck bringen sollte. Die helle Farbigkeit des Altarbereichs korrespondiert mit der pastellartigen Erscheinung der restaurierten Wände, deren Farbsubstanz aufgrund der Freilegungstechniken während der vorangegangenen Restaurierungen stark gelitten hatte. Unterstrichen wird dieser zarte Farbeindruck durch den Ausretuschierungsmodus der Fehlstellen mit kleinen Punkten.

Fazit

Die renovierenden und restaurierenden Eingriffe der letzten 700 Jahre im Limburger Dom erweisen sich als Zeugnisse für das Wechselspiel aus historischen, ästhetischen, denkmalpflegerischen, kirchenpolitischen und theologischen Vorstellungen. Sie verweisen auf die Zeitgebundenheit von liturgischen Anforderungen, ästhetischem Zeitgeschmack und auf spezielle Vorstellungen einer jeden Zeit, wie eine mittelalterliche Kirche auszusehen habe. Epochen der Kirchengeschichte wie Konzilien oder Bistumsgründungen spiegeln sich in ihnen ebenso wie die politischen Veränderungen gerade der jüngeren deutschen Vergangenheit. Der Kirchenraum und mit ihm die liturgischen Ausstattungsstücke werden so zu einem Medium der Erinnerung, in dem sich als anschaulichem Zeugnis der Vergangenheit zeittypische Inhalte und Botschaften manifestieren.

Jennifer Verhoeven


Kopfgrafiken: Der Limburger Dom (Fotos: ML Preiss)

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