Monumente Online

Ausgabe: November 2005

Deutsche Stiftung Denkmalschutz

Schwerpunkt: Altäre, Kanzeln, Andachtsbilder - Kostbarkeiten in Kirchen

Limburger Dom (c) ML Preiss Leitartikel

Im Wandel der Zeit

Der Limburger Dom und seine Ausstattung

Kirchen sind Funktionsbauten und oft sind sie schön. In ihnen soll in einem ästhetisch ansprechenden Rahmen Liturgie gefeiert werden, doch das ästhetische Empfinden ändert sich ebenso wie die liturgischen Anforderungen im Laufe von Jahrhunderten. Betrachtet man daher die Veränderungen des Kircheninnenraums und seiner Ausstattung im historischen Längsschnitt, so gewinnt man Informationen über vergangene oder gegenwärtige Zustände einer religiösen Gemeinschaft, über ihren Zeitgeschmack und die liturgische Praxis. Ein komplexes Beispiel für diese Wechselwirkung von Ästhetik und Liturgie bietet die Geschichte des Limburger Domes, speziell die seines Innenraums.

Zwei Vorgängerbauten errichtete man bereits auf dem Lahnfelsen, bevor im späten 12. und frühen 13. Jahrhundert die heutige Kirche SS. Georg und Nikolaus erbaut wurde. Zum Zeitpunkt ihrer Erbauung vereinte sie zwei Funktionen unter ihrem Dach. Einerseits war sie das liturgische Zentrum des Kollegiatsstiftes St. Georg, einer Klerikergemeinschaft, die der fränkische Adlige Konrad Kurzbold im Jahre 910 gegründet hatte; andererseits diente sie der Stadtpfarrei St. Nikolaus, also einer Laiengemeinde, als Pfarrkirche. Im Mittelalter fand der Gottesdienst des Stiftsklerus' in Binnenchor und Vierung statt, während die Laiengemeinde den ihrigen im Langhaus abhielt. Diese Bereiche waren baulich strikt getrennt, nämlich zwischen den westlichen Vierungspfeilern durch einen Lettner, durch Chorschranken zu den Querhäusern hin sowie möglicherweise durch Gitter zum Chorumgang.

Grundriss, mittelalterlicher Zustand (c) Bischöfliches Ordinariat Limburg
© Bischöfliches Ordinariat Limburg
Grundriss, mittelalterlicher Zustand Großbildansicht

Aus der Mitte des 15. Jahrhunderts hat sich ein "Direktorium" erhalten, das entlang dem Kirchenjahr die verschiedenen liturgischen Feiern beschreibt. Es liefert erstklassige Informationen über die mittelalterliche mobile Ausstattung, deren liturgische Funktion sowie die Stiftung von Altären. Innerhalb des Stiftschores waren demnach zwei Altäre aufgestellt, im Osten der dem hl. Georg geweihte Hochaltar - ein Ziborienaltar - und in der Vierung der Kreuzaltar. Darüber hinaus war für die Pfarrgemeinde ein dem hl. Nikolaus geweihter Altar im Mittelschiff westlich des Lettners aufgestellt worden. Diese Anordnung der drei Altäre stand mit der Bildkomposition der Deesis über dem Triumphbogen der Vierung in Bezug, in dem der thronende Jesus ebenfalls von dem Stiftspatron Georg und dem Pfarrpatron Nikolaus flankiert wird.

In der Vierung kam an exponierter Stelle das Stiftergrabmal Konrad Kurzbolds zur Aufstellung. Beide, Grabmal und Kreuzaltaltar, wurden auf südlicher und nördlicher Seite von den Chorschranken und dem davor befindlichen Chorgestühl flankiert und somit in die Liturgie der Stiftsherren, deren eigentliche Aufgabe das Gedenken an den Stifter war, mit einbezogen. Der Lettner besaß neben seiner trennenden Funktion wichtige liturgische Aufgaben. Auf seiner nach oben abschließenden, mit Vortragspulten (Ambonen) versehenen Bühne, auf die man durch eine Treppe vom Chor aus gelangte, fand vorrangig die Wortverkündigung für die Gemeinde statt. Mit der Funktion einer Pfarrkirche gingen die Rechte der Taufe, des Begräbnisses sowie der Pfarrseelsorge einher, für deren Ausübung der Kirchenraum entsprechend auszustatten war. Während einer Bodenuntersuchung im Frühjahr 1975 konnte man den ursprünglichen Standort des Taufbeckens mitten im Südquerhaus ausfindig machen, da im Boden ein Sickerschacht zum Vorschein kam. Die Funktion dieses Querhauses als Baptisterium fand auch im staufischen Freskenprogramm - wie der Darstellung Johannes des Täufers - ihren ikonographischen Bezug.

SS. Georg und Niklaus ist somit ein besonders aufwendiges Beispiel für eine mittelalterliche "Kombi-Kirche" für eine Stiftsgemeinschaft und eine Pfarrgemeinde. Lettner und Chorschranken, die beide voneinander trennten, waren sicherlich die auffälligsten Bauelemente des Kircheninnenraums.

Diese mittelalterliche Ausstattung und ihr Aussehen blieben im Wesentlichen bis zu Beginn des 17. Jahrhunderts erhalten. Erst in der Folge des Konzils von Trient (1545-63) wurde der Lettner entfernt und stattdessen um 1608/09 eine Kanzel am zweiten südöstlichen Arkadenpfeiler errichtet, um der neuen seelsorgerischen Bedeutung der Predigt gerecht zu werden. Ebenfalls erhielten das Sakrament der Beichte und die Heiligenverehrung verstärkte Bedeutung. Es ist außerdem davon auszugehen, dass eine Kommunionbank als bauliche Trennung zwischen die Pfeiler des Langhauses eingezogen wurde, da durch die katholische Konfessionalisierung der Kommunionempfang häufiger wurde und als Mittel der Kirchenzucht eingesetzt werden konnte. Auch die Konzilsforderung nach einer Aufbewahrung des Allerheiligsten am Hochalter führte zu einer baulichen Aufwertung des Tabernakels auf Kosten des erst im Jahre 1496 errichteten spätmittelalterlichen Sakramentshäuschens.

Grundriss, Zustand 18. Jahrhundert (c) Bischöfliches Ordinariat Limburg
© Bischöfliches Ordinariat Limburg
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Die barocke Umgestaltung

Ab 1749 sah sich der Limburger Stadtpfarrer Friedrich Dornuff zu einer umfangreichen Renovierung veranlaßt, da der Zustand der Kirche nach der Plünderung durch schwedische Truppen während des Dreißigjährigen Krieges stark zu wünschen übrig ließ. Die Renovierung begann mit Sicherungsarbeiten am Vierungsturm, der Öffnung von zugemauerten Fenstern im Kuppeltambour sowie der Integration von Rundfenstern an seinen Turmeckseiten.

Anschließend barockisierte man die Ausstattung, indem das Chorgestühl in der Vierung eine neue Bekrönung und die Emporenarkaden hölzerne Balustraden erhielten.
Maßgeblich verändert wurde das tradierte Aussehen des Inneren durch eine komplett neue Ausmalung. Erstmalig war die staufische Wandfassung nach über 500 Jahren nicht mehr sichtbar, da man stattdessen die Gewölbe- und Wandflächen kräftig rosafarben, die architekturgliedernden Elemente wie Rippen, Bögen und Dienste grau-blau, die Säulenschäfte der Triforiumssäulen rot fasste und die Schlusssteine sowie die Kanten der Kapitelle vergoldete.

Bis zu diesem Zeitpunkt befand sich der Pfarraltar an seinem mittelalterlichen Standort an der Grenze zwischen Langhaus und Vierung bzw. zwischen Klerikerchor und Laienbereich. Nun rückte man ihn an den nordwestlichen Vierungspfeiler, versah ihn mit einem Tabernakel, so dass er liturgisch als Sakramentsaltar während der Karwoche dienen konnte.

Chorraum mit barocker Ausstattung (c) Bischöfliches Ordinariat Limburg
© Bischöfliches Ordinariat Limburg
Chorraum mit barocker Ausstattung Großbildansicht

Nach einem Brand des Vierungsturms im Jahre 1774 waren sowohl der Altarbereich (in Chor und Vierung) neu auszustatten als auch anschließend entsprechend große Teile des Innenraums - möglicherweise auch der komplette Raum - erneut auszumalen. Im Bereich des Chores und der Vierung wurde ein neuer Fußboden in diagonalem Schachbrettmuster aus schwarz-rotem Marmor verlegt. Der Ziborienaltar wurde durch eine neue barocke Altaranlage aus Hochaltar und zwei Seitenaltären, an den westlichen Vierungspfeilern mit volutenartig geschweiften Retabelaufsätzen, ersetzt; das Stiftergrabmal in der Vierung hatte dieser Gruppe zu weichen und wurde in die Mitte des nördlichen Querhauses überführt.

Mit diesen barockisierenden Maßnahmen war das bis dato existente, stilpluralistische Erscheinungsbild des Sakralbaus stark verändert worden. Ein über Jahrhunderte gewachsenes bauliches und liturgisches Ensemble hatte einem neuen, konsequent barocken Raum- und Ausstattungsprogramm zu weichen.

Säkularisation, Erhebung zur Kathedrale und erste historistische Restaurierung

Mit der Säkularisation im Jahre 1803 gingen die Besitztümer des Limburger Stiftes sowie die ehemalige Stifts- und Pfarrkirche in das Eigentum des nassauischen Herzogtums über; 1827 wurde Limburg zum Bistum und damit die Kirche zur Kathedrale erhoben. Das Bauwerk hatte damit neue liturgische Anforderungen und Funktionen zu erfüllen, denen es in seiner bisherigen Ausstattung und Aufteilung nicht mehr gerecht werden konnte. Infolgedessen wurden Ausstattungsgegenstände neu geschaffen oder alte aus kurtrierischer Zeit umgearbeitet. Ein geeigneter Standort musste ebenso für die Kathedra geschaffen werden, da ihr bisheriger Platz im nördlichen Binnenchorbereich überhaupt nicht zufriedenstellend war.

Grundriss, Zustand nach der Restaurierung der 1870er-Jahre (c) Bischöfliches Ordinariat Limburg
Grundriss, Zustand nach der Restaurierung der 1870er-Jahre Großbildansicht

Im Jahre 1868 stellte der Limburger Stadtpfarrer Johann Ibach einen inneren Raumaufteilungsplan zur Platzgewinnung für die gewachsene Gemeinde auf, da vor allem bei festlichen Anlässen die räumliche Kapazität nicht mehr ausreichte. Durch die Versetzung der Chorschranken zwischen die östlich anschließenden Chorarkaden, mit der eine neue Aufstellung der Chorstühle und der Kathedra einhergehen sollte, würde sich die "veraltete" Raumkonstellation entscheidend verändern. Analog riet er zu einer Versetzung des Taufsteins aus dem südlichen sowie des Stiftergrabmals aus dem nördlichen Querschiff, um die entsprechenden Bereiche für die Gemeinde nutzen zu können. Darüber hinaus beabsichtigte man, das Platzangebot im Langhaus durch eine Vorverlegung der Kommunionbank an die westlichen Vierungspfeiler zu vergrößern und den Hochaltar in der Vierung aufzustellen.

Für dieses Konzept erstellte der Berliner Architekt Hubert Stier im Winter 1869/70 einen umfassenden Restaurierungsplan, welcher sich in drei Aufgabenbereiche unterteilte: routinemäßige Reparaturarbeiten, purifizierende Maßnahmen (um den Bau in einen "stilgerechten" Zustand zurückzuführen) sowie die Herstellung von neuen, stilistisch angemessenen Ausstattungsstücken. Im Chorbereich wurde daher die barocke Stufenanlage ebenso entfernt, wie die Altargruppe im Chor und an den Vierungspfeilern sowie die hölzernen Balustraden auf der Empore.

Da die Kommunionbank zwischen die westlichen Vierungspfeiler verlegt wurde, umfasste der neue Chorbereich nunmehr wieder Vierung und Binnenchor. In diese Fläche baute man eine neue, geometrische Podest- und Stufenanlage ein, in deren unterster Zone das Stiftergrabmal an seinem ursprünglichen mittelalterlichen Standort mittig in der Vierung zur Aufstellung kam.

Chorraum mit neogotischer Ausstattung (c) Foto Heinz / Limburg
© Foto Heinz / Limburg
Chorraum mit neogotischer Ausstattung Großbildansicht

Richtung Osten lag, durch drei Stufen abgesetzt, das Presbyterium, in dessen Zentrum sich der um eine weitere Stufengruppe erhöhte Hochaltar unter dem östlichen Vierungsbogen befand. Eingefasst wurde der Chorbereich im Norden, Süden und Westen durch steinerne Kommunionbänke zwischen den Vierungspfeilern. Im Osten wurde aus den umgestellten Chorschranken eine bauliche Einfassung zum Chorumgang hin und eine Rückwand für die Kathedra und die Bestuhlung des Domkapitels gebildet. Direkt im Chorscheitel stand der neue Bischofsthron, der sich durch einen in neogotischer Form geschnitzten Baldachin auszeichnete. Die gute Sichtbarkeit war für den neuen Standort des Hochaltars relevant, so dass er vor dem Bischofsthron unter dem Bogen der östlichen Vierungspfeiler aufgestellt wurde. Er war als Doppelaltar für Chor- und Pfarrdienst konzipiert und setzte sich aus zwei von je fünf Säulen getragenen Mensen zusammen.

Stiers Vorschläge dokumentieren deutlich die zeitspezifischen Auffassungen von mittelalterlicher Stileinheit und -reinheit, die mit der Neugestaltung des Innenraums realisiert werden sollten. Diese Zielsetzung unterstrich die historistische Gestaltung der Wände, für die die staufische Wandfassung als Vorlage eines Ausmalungsprogramms diente. Parallel wurde aber auch in der Neuordnung des Chores die Bemühung deutlich, der neuen Funktion als Kathedrale gerecht zu werden. Gerade dieser Akt förderte die Identitätsstiftung der neuen Bischofskirche, negierte aber auch tradierte räumliche und liturgische Zusammenhänge, die damit als wichtige Geschichtszeugnisse verloren sind.

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