Monumente Online

Ausgabe: September 2005

Deutsche Stiftung Denkmalschutz

Schwerpunkt: Zwischen Ehre und Pflicht - Das Welterbe der UNESCO

(c)M.Donner Denkmal im Blickpunkt

Bollwerk hanseatischer Macht

Das Holstentor in Lübeck

Nach dem Brandenburger Tor in Berlin kann das Lübecker Holstentor für sich in Anspruch nehmen, das bekannteste Stadttor Deutschlands zu sein. Mehr als die berühmten Kirchen der Welterbestadt, mehr auch als das traditionsreiche Rathaus ist der massige Backsteinbau über der Trave zum Wahrzeichen der Hansestadt geworden - und das, obgleich die Funktionen, die man gemeinhin mit einem solchen Wehrbau assoziiert, hier historisch niemals zum Tragen kamen. Die Lübecker hatten sich nämlich zu einem Zeitpunkt für diese doppeltürmige Verteidigungsanlage entschieden, als die Wehrtechnik eigentlich schon nach anderen, moderneren Lösungen verlangte. Die Stadtväter verfolgten den Bau denn auch vornehmlich aus politischen Erwägungen, galt es doch, dem expandierenden dänischen Nachbarn, der der Stadt um die Mitte des 15. Jahrhunderts mächtig auf den Leib gerückt war, mit einer demonstrativen Geste die Zähne zu zeigen.

Das Holstentor stammt aus dem 15. Jahrhundert. (c)  M. Donner
© M. Donner
Das Holstentor stammt aus dem 15. Jahrhundert. Großbildansicht

Das neue Holstentor übersetzte die intendierte Botschaft in die Sprache der Steine: Es stellte die Verteidigungsbereitschaft der Hansestadt machtvoll zur Schau und führte ihren Wohlstand, ihre Solidität und Unabhängigkeit als gute Argumente mit ins Feld. Die eigene Bevölkerung galt es, auf diese Weise zu beruhigen und auf die hanseatische Gemeinschaft einzuschwören, für die Nachbarn wiederum las sich der Bau als eine unmissverständliche Warnung, wusste doch ein jeder, dass hinter den schießschartengespickten Türmen dreißig Kanonen lauerten, um Lübecks Wunsch nach Frieden auch das nötige Gewicht zu verleihen.

Zweierlei Sprache

Als Stadtbaumeister Hinrich Helmstede irgendwann zwischen 1464 und 1466 die Fundamente für das neue Holstentor legte, war Lübeck längst eine »boomende« Stadt. Seit 1226 reichsfrei und damit nur dem König selbst unterstellt, hatte die Mutter der Hanse seit dem ausgehenden 13. Jahrhundert einen rasanten Aufstieg erlebt. Das Netz der Fernhandelskaufleute verzweigte sich kontinuierlich, und ihre Koggen beherrschten schon bald den gesamten Ostseeraum. Im Norden drangen sie bis nach Norwegen und Schweden, im Osten bis weit hinter Nowgorod vor; London, Brügge und Gent hießen die Anlaufstationen im Westen, Dortmund und Soest im Süden. Für »mercatores« von nah und fern stellte die junge Hansestadt die wichtigste Drehscheibe im überregionalen Ost-West-Handel dar. Durch enge organisatorische und rechtliche Verbindungen zu den neu gegründeten deutschen Ostseestädten wussten die Lübecker ihren wirtschaftlichen Einfluss überdies noch geschickt zu vermehren. Mit ihren zirka 20.000 Einwohnern konnte die Stadt bereits im 13. Jahrhundert in die Riege der größten Städte des Deutschen Reiches aufsteigen. Man spielte von da an sozusagen in der gleichen Liga wie das altehrwürdige Köln, wie Erfurt oder Regensburg.

Im Inneren ist die Verteidigungsfunktion des Tores sichtbar. (c)  M. Donner
© M. Donner
Im Inneren ist die Verteidigungsfunktion des Tores sichtbar. Großbildansicht

Das emsige Kommen und Gehen der Fernhändler auf der von Trave und Wakenitz umflossenen Altstadtinsel begleitete nicht von ungefähr schon bald eine rege Bautätigkeit: Fünf stolze Hauptkirchen wuchsen im Nu aus dem Boden, ein Maßstäbe setzendes Rathaus sowie die stadtbildprägenden Giebelhäuser, Klöster, Hospize und Gänge. Daneben gehörte die Modernisierung vorhandener Bausubstanz zum Tagesgeschäft. Die stolze Backsteinstadt konnte es sich gar leisten, die gotische Marienkirche binnen 80 Jahren zweimal grundlegend umzubauen. Als Ausweis der eigenen Wirtschaftskraft schien offensichtlich jeder Aufwand gerechtfertigt. Kein Wunder, dass auch die neue städtische Visitenkarte, das Holstentor, dem Credo hanseatischer Macht und Stärke huldigte.

Dank einer großzügigen Dotation des Ratsherrn Johann Broling zwischen 1466 und 1478 in Anlehnung an flandrische Vorbilder errichtet, wartete das imposante Brückentor über der Trave von jeher mit zweierlei Gesicht auf - einer einladend-offenen Stadtseite und einer wehrhaft geschlossenen Feldseite. Den unerwünschten neuen Nachbarn vor allem führte es auf der Feldseite mit seinen Wehrtürmen und Schießscharten die Verteidigungsbereitschaft der Hansestadt vor Augen. Darüber hinaus pochte es mit der wiederholten Darstellung des Reichsdoppeladlers unübersehbar auf die angestammte Rechtsfreiheit der Lübecker. Hiermit waren kurz und knapp die Bedingungen formuliert, unter denen Einlass in die Handelsstadt gewährt werden konnte - die Einhaltung von Frieden und Recht.

Nach dem Stapel wanderten die Produkte nach ganz Europa. (c)  M. Donner
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Nach dem Stapel wanderten die Produkte nach ganz Europa. Großbildansicht

Die eigentliche Zufahrt zur Stadt war denn auch bezeichnenderweise in einen Zwischentrakt eingefügt, der gegenüber den beiden Wehrtürmen um dreieinhalb Meter zurücktrat. Anders als bei diesen setzte der Baumeister hier erste dekorative Akzente, ließ er für all diejenigen, denen Einlass gewährt werden sollte, die Schauseite der Hansestadt sozusagen schon einmal aufblitzen: Unter einem prächtigen gotischen Stufengiebel waren die beiden Geschosse über der Tordurchfahrt durch eine Folge von jeweils sechs kleinen Fensteröffnungen beziehungsweise sechs hohen Blendarkaden symmetrisch gegliedert. Diese feldseitige Auflockerung der Fassade verbarg hinter der freundlichen Willkommensgeste allerdings nicht den tiefer liegenden Zweck des Baukörpers - Fenster wie Blendfenster ließen die auch hier vorhandenen Schießscharten nur etwas verbindlicher aussehen.

Auf der Stadtseite hat der Baumeister die wehrtechnische Aussage des Bauwerks naturgemäß zurücknehmen können. Nach innen galt es ja niemandem zu drohen; hier sollte stattdessen der Stolz auf die Zugehörigkeit zu der prosperierenden städtischen Gemeinschaft im Vordergrund stehen. Folglich wartete das backsteinerne Tor zur Stadt hin mit ungleich repräsentativeren Qualitäten auf: Türme und Durchfahrt waren hier zu einer einheitlichen, durch reiche Blendfolgen einladend gegliederten filigranen Schmuckfassade zusammengezogen. Um das Außen und Innen schlüssig miteinander zu verbinden, ließ Helmstede zwei Friese aus unglasierten Terrakotten das Bauwerk wie Gurtbänder umlaufen, auf denen sich ein Wechselspiel aus ornamentalen Plattenmustern, Gittern aus Maßwerkstäben und heraldischen Lilien mit Rosetten entfaltete. Mittig zwischen diesen Ornamenten hatte als Zeichen reichsstädtischer Freiheit der von so genannten wilden Männern flankierte lübische Doppeladler seinen Platz gefunden. Die Friese markierten nach außen drei Geschosse und fassten die beiden Seiten des Baus mit dem gemeinsamen Hauptgesims stilistisch zu einer Einheit zusammen. Bei aller nutzungsbedingten Unterschiedlichkeit der Fassaden des Tores ist eines doch beiden gemeinsam: Jede vermittelt ihre je eigentümlichen Botschaften außerordentlich imposant und selbstbewusst.

Dabei steht das scheinbar felsenfeste Stadttor mit seinen charakteristischen schiefergedeckten Kegelhelmen, das allem Anschein nach nichts wirklich erschüttern kann, in einem seltsamen Widerspruch zu dem morastigen Grund, auf dem es Stabilität zu gewinnen sucht. Um das gen Holstein gerichtete Tor an ebenso historischer wie stadtbildprägender Stelle errichten zu können, hatte Baumeister Helmstede allerlei Anstrengungen unternehmen müssen, immerhin plante er für die beiden Rundtürme feldseitig eine Mauerstärke von bis zu dreieinhalb Metern ein. Die beiden Türme errichtete er folglich über einer Balkenrost-Konstruktion, nachdem der Bau mit Pfählen in seinem moorigen Untergrund gesichert worden war und eine zusätzlich etwa sieben Meter hohe Aufschüttung die erforderliche Stabilität garantieren sollte.

Doppelturmanlagen waren in Deutschland, den Niederlanden und in Flandern recht verbreitet. (c)  M. Donner
© M. Donner
Doppelturmanlagen waren in Deutschland, den Niederlanden und in Flandern recht verbreitet. Großbildansicht

All diesen Maßnahmen zum Trotz machte sich aber bereits während der Bauzeit eine Neigung des Südturms bemerkbar; auch sein nördliches Pendant bewegte sich allmählich aus der Lotrechten; gleichzeitig begann das Bauwerk als Gesamtes abzusinken. Ein Halten sollte es danach, allen Anstrengungen zum Trotz, nicht mehr wirklich geben. Die untersten Schießscharten liegen heute etwa einen Meter unterhalb der Oberfläche. Lübecks repräsentative »schiefe Türme« sind einander nach wie vor leicht zugewandt - so als befänden sie sich in einem langen, vertrauten Zwiegespräch.

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