Monumente Online

Ausgabe: September 2005

Deutsche Stiftung Denkmalschutz

Schwerpunkt: Zwischen Ehre und Pflicht - Das Welterbe der UNESCO

(c)ML Preiss Leitartikel

Von Bierbrauern und Schneidern

Das Welterbe Stralsund und Wismar

Den 14. Dezember 2000 werden die Bürgermeister von Wismar und Stralsund, Dr. Rosemarie Wilcken und Harald Lastovka, so schnell nicht vergessen. Hatten sie doch an diesem Tag mit Schrecken erfahren, dass die UNESCO ab dem 31. Dezember kurzfristig die Regularien für die Aufnahme in die Liste des Welterbes ändern wollte. Man plante, Städte ganz aus der Antragstellung herauszunehmen. War die monatelange Erarbeitung eines gemeinsamen Antrages damit umsonst gewesen? "Es wurde noch einmal hoch dramatisch", erinnert sich Bürgermeisterin Wilcken heute. "Doch wir nahmen in nur zwei Wochen die letzten Hürden, so dass der Antrag schließlich noch rechtzeitig vor Inkrafttreten der neuen Regelungen eingereicht werden konnte." Als beide Bürgermeister am 28. Juni 2002 erfuhren, dass Wismar und Stralsund es tatsächlich geschafft hatten, wurde in den Rathäusern der Sekt entkorkt.

Der Hafen von Stralsund mit Blick auf St. Marien (l.) und St. Jakobi (c) ML Preiss
© ML Preiss
Der Hafen von Stralsund mit Blick auf St. Marien (l.) und St. Jakobi Großbildansicht

Nach Lübeck sind damit zwei weitere deutsche Hansestädte mit einem Eintrag in die Liste des UNESCO-Welterbes "geadelt" worden. Die drei Städte gehörten zum "Wendischen Quartier" der Hanse, also dem politischen Zentrum des mächtigen mittelalterlichen Städte- und Handelsbundes. Stralsund und Wismar liegen aber im Gegensatz zu Lübeck direkt am Meer, was sich in den zum Wasser hin ausgerichteten Stadtgrundrissen widerspiegelt. Das historische Hafenbecken direkt vor den Toren Wismars ist bis heute erhalten, und durch die Grube - einen der letzten mittelalterlichen Stadtkanäle Norddeutschlands - reicht das Meer sogar bis ins Zentrum. Auch Stralsund konnte die einmalige Insellage zwischen den im 13. Jahrhundert aufgestauten Seen und dem Strelasund bewahren.

Im 14. Jahrhundert war Stralsund neben Lübeck die bedeutendste Stadt im gesamten Ostseeraum. In diese Blütezeit der Hanse fällt auch der Stralsunder Friede, der 1370 in der Stadt geschlossen wurde und Dänemark in seine Schranken wies. Noch immer ist Stralsunds einstiger Reichtum an den mächtigen Backsteinkirchen, dem Rathaus mit seiner reichverzierten Giebelfront, den Klöstern und den Kaufmannshäusern abzulesen.

Das Stralsunder Rathaus mit St. Nikolai (c) ML Preiss
© ML Preiss
Das Stralsunder Rathaus mit St. Nikolai Großbildansicht

Die Stralsunder Nikolaikirche gehört mit dem Lübecker Dom und der dortigen Marienkirche zu den ersten Kirchenbauten im Ostseeraum, die nordfranzösische Kathedralen zum Vorbild haben. Und weil es in der norddeutschen Tiefebene kaum Natursteine gab, besann man sich auf eine Technik, die in Oberitalien entwickelt worden war: Aus Ton und Wasser wurden Backsteine geformt und gebrannt. Übereinandergeschichtet wuchsen schließlich mächtige Bauwerke heran. Mehr als fünf Millionen Backsteine verbaute man für eine einzige Kirche. Darunter waren auch speziell geformte und glasierte Steine, mit denen die Baukünstler den Fassaden ein Gesicht gaben.

St. Nikolai wurde ab 1270 errichtet. Sie war die Kirche der Ratsleute, in der nicht nur Gottesdienste stattfanden. In einer Nische saß der Ratsschreiber, der die Korrespondenz für die Stralsunder erledigte, die des Schreibens und Lesens nicht kundig waren. Regelmäßig wurden in der Nikolaikirche auch Märkte abgehalten. Aus dem Mittelalter ist eine Verordnung überliefert, die den Kaufleuten untersagte, während der Messe Vieh durch die Kirche zu treiben.
1330 setzte in der Stadt ein wahrer Bauboom ein. Die selbstbewussten Stralsunder gönnten sich ein prächtiges Rathaus, das vor der Westfassade der Nikolaikirche errichtet wurde. Vierzig Verkaufsbuden soll es damals im Erdgeschoss gegeben haben, die sich zu dem schmalen Innenhof hin öffneten.

In diese Zeit fällt auch der Bau der Jakobikirche an der Grenze der Alt- zur Neustadt und der Marienkirche am Neuen Markt, deren Bau von den reichen Gewandschneidern finanziert wurde. Während St. Jakobi im Zweiten Weltkrieg stark beschädigt wurde und heute vor allem kulturell genutzt wird, finden in den beiden anderen Stralsunder Kirchen mit ihren reichen Ausstattungen vorwiegend Gottesdienste statt. Alle drei Kirchen besitzen wertvolle Orgeln, die zur Zeit mit Mitteln der Hermann Reemtsma Stiftung und der Deutschen Stiftung Denkmalschutz restauriert werden. In Stralsund wurde vor zwei Jahren das "Baltische Orgel Centrum (BOC) Stralsund" gegründet, das sich um die Pflege der wertvollen Instrumente und der norddeutschen Orgelmusik kümmert.

Im 14. Jahrhundert errichteten die Kaufleute in Stralsund außerdem zahlreiche Dielenhäuser, in denen sie wohnten und ihre Waren verkauften - wenn sie sie nicht auf dem Markt in der Nikolaikirche feilboten. In den Speicherböden unter den hohen Dächern lagerten sie ihre Handelsgüter, die mittels eines hölzernen Aufzugrades dorthin transportiert wurden. Ihre prächtigen Fassaden verdanken diese Häuser einem Wettstreit der Hausherren: Sie wollten ihr reiches Warenangebot auf den Speicherböden mit einem besonders schönen Giebel herausstellen.

Das Wulflamhaus mit seinem reich verzierten Giebel (c) ML Preiss
© ML Preiss
Das Wulflamhaus mit seinem reich verzierten Giebel Großbildansicht

Neben dem Wulflamhaus mit seiner außergewöhnlichen Fassade findet man in Stralsund noch viele weitere wertvolle Bürgerhäuser. An dem Haus in der Mönchstraße 38 mögen vielleicht schon einige Besucher achtlos vorbeigelaufen sein. Doch lohnt es sich allemal, hinter die recht schlichte Fassade dieses mittelalterlichen Giebelhauses zu blicken, das von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz aufwendig restauriert und dem Kulturhistorischen Museum der Stadt übergeben wurde. Seine 700-jährige Geschichte ist durch viele Details erlebbar, die man bei der Sanierung erhalten hat - sei es das gotische Aufzugrad, die Tapeten, die den jeweiligen Zeitgeschmack widerspiegeln, oder auch die Bakelit-Steckdosen aus dem 20. Jahrhundert.

Die Wismarer wurden durch Bier reich

Ebenso wie in Stralsund traten auch die Wismarer Kaufleute untereinander in Wettstreit um die prächtigste Fassade. Wie die Perlen einer Kette reihen sich die Giebelhäuser der leicht geschwungenen mittelalterlichen Handelsstraßen aneinander. Doch sind es nicht so hohe und auch nicht so viele wie in Stralsund, weil man in Wismar nicht ausschließlich vom Zwischenhandel lebte und daher keine so großen Speicherböden benötigte. Wismar war vielmehr die Stadt der Brauereien. Neben Kaufleuten und Handwerkern lebten vor allem Ackerbürger in der Stadt. Um 1460 besaßen fast 200 Häuser das Privileg zum Brauen, und im 16. Jahrhundert gab es jedes Jahr in der Stadt einen Pro-Kopf-Verbrauch von 320 Litern Bier. Wasser konnte man damals aus hygienischen Gründen kaum trinken.

Dass sich mit dem Export von Bier durchaus Staat machen ließ, beweisen die mächtigen Backsteinkirchen der Stadt. Es sind wie in Stralsund drei. In Wismar wurde mit St. Marien begonnen. Von dieser Kirche steht heute nur noch der Turm, nachdem das im Zweiten Weltkrieg beschädigte Kirchenschiff 1960 gesprengt wurde, obwohl es wieder aufzubauen gewesen wäre. Diese dreischiffige Basilika war erst ein halbes Jahrhundert im Bau, da wurde schon mit der Nikolaikirche begonnen. Nach der Lübecker Marienkirche darf sie sich des zweithöchsten Mittelschiffs aller Backsteinkirchen rühmen. Sie nahm einen Teil jener Kunstwerke auf, die zum Glück aus der Marien- und der Georgenkirche rechtzeitig vor den Bomben des Zweiten Weltkriegs ausgelagert worden waren.

Wismar: Blick auf St. Georgen(l.) und den Turm von St. Marien (c) H. Volster
© H. Volster
Wismar: Blick auf St. Georgen(l.) und den Turm von St. Marien Großbildansicht

Mit dem Bau der dritten Wismarer Backsteinbasilika, der Georgenkirche, wurde in der Mitte des 15. Jahrhunderts begonnen. Kaum fünfzig Jahre später zeichnete sich der Niedergang der Hanse ab, als der Seeverkehr von der Ost- in die Nordsee verlagert und Holland wie auch England immer mächtiger wurden. So fehlte den Wismarern schließlich das Geld, um den Westturm zu vollenden, der deshalb keinen stolzen Helm, sondern nur eine bescheidene Kappe erhielt.
Auch St. Georgen wurde wie die rund hundert Meter entfernte Marienkirche in den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges stark durch Bomben beschädigt. Zu Deutschlands größter Kirchenruine geworden, verfiel das Bauwerk jahrzehntelang immer weiter. Im Januar 1990 stürzte schließlich der Nordgiebel des Querhauses auf eine Häuserzeile und begrub ein Kind unter den Trümmern.

Die Georgenkirche in Wismar vor ihrem Wiederaufbau (c) ML Preiss
© ML Preiss
Die Georgenkirche in Wismar vor ihrem Wiederaufbau Großbildansicht

Um weitere Einstürze zu verhindern, machte die Deutsche Stiftung Denkmalschutz St. Georgen noch vor dem 3. Oktober 1990 zu ihrem ersten Förderprojekt im östlichen Teil Deutschlands. Seither wird an der Kirche unermüdlich gebaut. Die Handwerker beherrschen die mittelalterlichen Techniken inzwischen so gut, dass die Sanierung von St. Georgen schneller vorangeht als zunächst erwartet und daher weniger kosten wird.

Der Dreißigjährige Krieg

Doch zurück zum 16. Jahrhundert und dem Niedergang der Hanse. Wismar und Stralsund verloren damals wie alle Städte, die sich dem Handelsbund angeschlossen hatten, an Bedeutung. Dann folgte die Zeit des Dreißigjährigen Krieges, der auch den beiden Ostseestädten arg zusetzte.
Nach dem Westfälischen Frieden wurden Stralsund und Wismar schließlich schwedisch. Die neuen Machthaber bauten beide Städte zu Festungen aus, so dass sie einen gewissen Einfluss zurückgewannen. Stralsund durfte sich ab 1720 sogar Regierungshauptstadt für Schwedisch-Vorpommern nennen, und im Wismarer Fürstenhof richtete man 1653 das Königlich Schwedische Tribunal ein.

 

Aus Stralsund zogen die Schweden bereits 1815 wieder ab. Sie verpfändeten Wismar 1803 zunächst an Mecklenburg, bevor die Schwedenzeit für die Stadt hundert Jahre später endgültig beendet war.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts muss Wismar einen recht trostlosen Eindruck gemacht haben. Das gotische Rathaus war so baufällig geworden, dass das Dach 1807 einstürzte. Obwohl eigentlich kein Geld im Stadtsäckel war, bauten sich die Wismarer ein neues Rathaus. Erst unter Bürgermeister Anton Johann Friedrich Haupt konnte Wismar seinen Haushalt ab dem Jahr 1826 wieder in Ordnung bringen. Die Industrialisierung verhalf beiden Städten zu einem bescheidenen wirtschaftlichen Aufschwung, der aber mit dem während der Hansezeit nicht zu vergleichen war.

Trotz der Bomben des Zweiten Weltkrieges behielten Stralsund und Wismar bis heute ihren mittelalterlichen Charakter. Nach einem Gutachten der DDR-Bauakademie aus dem Jahr 1989 sollten in Stralsund zwar zahlreiche baufällige Häuser abgerissen werden. Diese Pläne konnten aber im Dezember des Jahres von einer Bürgerinitiative gestoppt werden.

Viele denkmalgeschützte Gebäude wurden in Wismar und Stralsund - auch mit beträchtlichen Mitteln der Deutschen Stiftung Denkmalschutz - inzwischen saniert. Die UNESCO würdigte daher vor allem die Initiativen zur Bewahrung des wertvollen Denkmalbestandes, die gute Zusammenarbeit beider Städte und die Gründung einer Stiftung, mit der sie den Welterbegedanken unterstützen möchten.

Als am 24. und 25. Mai 2003 die Welterbe-Urkunden offiziell übergeben wurden, waren alle Stralsunder und Wismarer auf den Straßen, um an diesem Ereignis teilzuhaben. "Diese Stadt lebt von ihrer Baukultur und ihrem geschlossenen Stadtbild, und ich bin stolz darauf, dass wir diesen Reichtum für die nächsten Generationen erhalten", sagt Dr. Rosemarie Wilcken, die Bürgermeisterin Wismars. Und ihr Stralsunder Kollege, Harald Lastovka, hofft, "neben unserem historischen Erbe auch etwas von dem Mut zu vermitteln, der nötig ist, um dieses Erbe - auch gegen viele Widerstände - zu schützen."

Carola Nathan

Kopfgrafiken: Wismar (links), Strasund (rechts, beide Fotos: ML Preiss)

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