Monumente Online

Ausgabe: Juli 2005

Deutsche Stiftung Denkmalschutz

Schwerpunkt: Geschichte hautnah: Wohnen im Baudenkmal

(c) ML PREISS Leitartikel

Wohnen in Pirnas Altstadt

Dazu kommt freilich, dass die Stadt Pirna im Laufe der Jahre ihrerseits ohne Not zu einer Erschwerung der wirtschaftlichen Situation für Haus-Sanierer beigetragen hat. Da sind zu Beginn der Arbeiten gemachte, später aber nicht eingehaltene mündliche Zusagen. Als es darum ging, eine Anfang des 19. Jahrhunderts in Sandstein errichtete, baufällige Wagenremise wieder aufzubauen oder, wie die Eigentümer wollten, abzureißen und an der Stelle Parkplätze zu schaffen, hieß es, die Remise sei für das Erscheinungsbild der Stadt unverzichtbar, man übernehme die Kosten für deren Wiederaufbau zu hundert Prozent. Am Ende war es genau ein Drittel. Die aufwendig sanierte Remise aber steht seit der Jahrhundertflut vor drei Jahren leer.

Portal (c) ML PREISS
© ML PREISS
Die Mittelkartusche über dem Portal des Barockhauses zeigt ein Segelschiff. Großbildansicht

Ebenso unverständlich ist es, dass die Stadtverwaltung, getragen von einer breiten, bürgerlichen Mehrheit, 1998 im Wege einer Beschlussvorlage eine direkt neben dem Wohnhaus Lange Straße 10 betriebene Vergnügungseinrichtung, die zunehmend im Rotlicht-Milieu anzusiedeln war, durch Ausweisung unserer Ecke als "Kerngebiet" legalisieren wollte. In der Beschlussvorlage hieß es: "Eine Kerngebietsausweisung würde die Wohnqualität im rekonstruierten Wohnhaus Nr. 10 wesentlich einschränken, andererseits kerngebietstypische Vergnügungseinrichtungen wie das KISS zulassen" - getreu der Devise "pecunia non olet". Dass das Projekt am Ende im Stadtrat keine Mehrheit fand, war allein der beherzten Intervention des PDS-Fraktionsvorsitzenden sowie der einzigen Grünen-Abgeordneten zu verdanken. CDU und FDP enthielten sich der Stimme, wohl aus Angst vor der eigenen Courage.

Andere Beispiele ließen sich anführen, wo seitens der Stadtverwaltung wenig Rücksicht auf die Bewohner der Altstadt genommen wurde. Die bewusste Bar ist heute geschlossen. Dafür aber werden die Altstadtbewohner von einer Verkehrsführung malträtiert, die dem Auto allzu beflissen die Vorfahrt einräumt. Da lädt die Stadt Pirna 1998 die Anwohner der Langen Straße nach deren "grundhafter Rekonstruktion" zu einer Informationsveranstaltung ein, bei der auch "Ihre Anregungen und Bedenken" bei der Entscheidungsfindung berücksichtigt werden sollen. Am Ende wurde sogar abgestimmt, wobei ein einmütiges Ergebnis herauskam, die Straßen im Sinne der Verkehrsberuhigung möglichst nur in einer Richtung befahren zu lassen.

Dabei war allen Beteiligten klar, dass Baumaßnahmen vorübergehende Abweichungen von jenem Grundsatz erforderlich machten. Als jedoch bekannt wurde, dass die ursprünglichen Pläne doch realisiert werden sollten, teilte der zuständige Amtsleiter für öffentliche Ordnung auf einen entsprechenden Beschwerdebrief mit, die Abstimmungen mit den Bewohnern fänden "in jedem Fall" Berücksichtigung. Er schloss mit den Worten: "In der Hoffnung, Ihr Vertrauen in die Stadtverwaltung wieder hergestellt zu haben". Am Ende aber wurde akkurat jener Plan umgesetzt, den die Stadtverwaltung am 8. Oktober 1998 in eben jener Informationsveranstaltung vorgestellt hatte.

Pirnas Altstadt, speziell der Markt, steht daher weiterhin ungebremst für den Autoverkehr offen, junge Leute fahren hochtourig durch die Straßen, den Lärm noch durch die Bässe aus ihren Autos verstärkend, der kulturhistorisch so bedeutsame Markt, wo Bernardo Belotto, genannt Canaletto, im 18. Jahrhundert malte, wird auch künftig mit Autos zugeparkt sein, die damit den Blick auf die Schönheit dieser Stadtlandschaft verstellen. Warum reduziert man das Parken nicht nur auf Anwohner und lässt den Markt ganz frei? Parkhäuser stehen genügend zur Verfügung.

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