Für Georg Dehio, den Gewährsmann der deutschen Denkmalpflege, war Schloss Benrath »einer der besten Bauten Deutschlands im Übergang vom Rokoko zum Louis XVI.« Vor den Toren der ehemals kurpfälzischen Residenzstadt Düsseldorf innerhalb einer ausgedehnten Wald- und Parklandschaft gelegen, hat das Ensemble seit jeher so manches Herz höher schlagen lassen. Das heitere Mit- und Nebeneinander von gebauter und gepflanzter Architektur, die geschickten Sichtbezüge und abwechslungsreichen Perspektiven, überhaupt die gesamte harmonische Einfügung des weitläufigen Ensembles in die sanfte, rheinnahe Landschaft - alles das hat ihrem Schöpfer, dem aus Lothringen gebürtigen kurpfälzischen Hofarchitekten Nicolas de Pigage, schon zu Lebzeiten höchstes Lob eingetragen. Dabei blieb das meisterhafte Gesamtkunstwerk nach seiner Fertigstellung um 1770 zunächst einer luxuriösen Nutzlosigkeit überantwortet. In vierzehnjähriger Bauzeit als Jagd- und Gartenschloss für Kurfürst Karl Theodor von Pfalz-Sulzbach errichtet, haben die kostbar und mitunter gar raffiniert ausgestatteten Räume und üppigen Gärten ihren Bauherrn faktisch nicht länger als ein paar Stunden beherbergt, residierte der Düsseldorfer Landesherr zur nämlichen Zeit doch schon längst als bayerischer Kurfürst im fernen München. Sein entzückendes rheinisches Lustschloss hatte er derweil einem unbestimmten Schicksal überlassen.
Ein "bescheidenes Häuschen am Weiher im Park"
Schloss Benrath bei Düsseldorf
Ein privates Lustschloss nach französischem Vorbild
Der Gedanke an historische Gärten assoziiert zumeist Vorstellungen von einem ebenso idyllischen wie kunstvollen Zustand. Wer träumte nicht schon vom Paradies-Garten Eden, dem unbekannten Land, »wo Milch und Honig« fließen, oder den sagenhaften Hängenden Gärten der Semiramis im einstmals blühenden Babylon, einem der viel bestaunten Sieben Weltwunder der Antike? Pracht, Opulenz und Kunstfertigkeit prägen solche, zugegebenermaßen verschwommenen Traumbilder ebenso wie das Gefühl von Harmonie und Wohlergehen, von Düften und Farben, vom Leben in der Natur. In den mythologischen Ur-Formen des himmlischen Paradiesgartens wie des durch aufwändige Architekturen unterstützten Kunst-Gartens scheinen bereits zwei Grundtypen auf, die unsere Kultur seither geprägt haben. Beide - der gestaltete wie der scheinbar ungestaltete, natürliche Garten - spiegeln, nicht zuletzt im Zusammenspiel mit der Architektur, auf die sie bezogen sind, das Lebensgefühl der Menschen unterschiedlicher Epochen auf das Trefflichste wider.
Der Schlosspark von Benrath, in der Mitte des 18. Jahrhunderts an der Stelle eines vormaligen barocken Wasserschlosses geplant, steht eher am Ende einer langen Geschichte der Gartenkunst als in deren Zenit. Auch wenn sich für Benrath als Erstes französische Vorbilder aufdrängen, Le Nôtres großartige Anlage in Versailles etwa oder die nicht mehr erhaltenen Bauten Trianon de Porcelain und Marly le Roy, so konnte Nicolas de Pigage doch auch aus einem jahrhunderte-, wenn nicht jahrtausendealten Wissen um die Anlage von Gärten, die Bedeutung und Nutzung von Bäumen und Pflanzen, um das Wechselspiel von Licht und Schatten, Feuchte und Trockenheit sowie deren Wirkung auf den Menschen schöpfen.
Schon Ägypter, Perser und Babylonier galten als Meister der Gartenkunst, desgleichen Chinesen und Japaner, Inder und Koreaner. Bei aller Unterschiedlichkeit in der Anlage wie dem Gebrauch ihrer Gärten war den meisten dieser alten Hochkulturen doch gemeinsam, dass sie zwischen einem dem reinen »Nutzen« gewidmeten Garten und einem der »Lust« vorbehaltenen Teil zu unterscheiden pflegten. Mal schlug das Pendel mehr zur einen, mal zur anderen Seite aus - selten jedoch drängte der Genuss den Nutzen ganz zurück, ebenso selten der Nutzen die Kontemplation und Muße. Dabei gehörte Wasser, ob als Springbrunnen, Kaskade, See, Bachlauf oder Kanal, stets genauso selbstverständlich zu einem jeden Garten wie die Bepflanzung mit Schatten spendenden Bäumen oder die duftende Augenweide blühender Rosen, Veilchen und Lilien. Schon für Albertus Magnus stand es zweifelsfrei fest, dass Gärten »zur Ergötzung von vorzüglich zwei Sinnen dienen, nämlich des Gesichtes und des Geruches«. Zu ergänzen wäre, dass sie stets auch die bevorzugten Orte der romantischen Liebe darstellten und als solche in der alt-persischen Dichtung ebenso anspielungsreich gepriesen und gefeiert wurden wie in der mittelalterlichen Minne oder der pastoralen Lyrik des 18. Jahrhunderts.
Dass Kurfürst Karl Theodor bei einem Besuch Düsseldorfs im Jahre 1755 den Beschluss für den Neubau der Benrather Schlossanlage fasste und dessen Realisierung in die Hände des bereits in Mannheim und Schwetzingen bewährten Architekten Nicolas de Pigage legte, zeugt davon, dass er das als Maison de plaisance geplante Jagdschlösschen von Beginn an in engem Bezug zur umgebenden Natur verstanden wissen wollte. Pigage - als Architekt wie als Gartenkünstler gleichermaßen versiert - garantierte dem Bauherrn die gewünschte Privatheit des Schlossbaus und zugleich dessen scheinbar natürliche Integration in einen abwechslungsreichen und auf vielfältige Weise anregenden Lustgarten nach dem Geschmack der Zeit. Verschwenderischer Repräsentation und dekorativer Überfrachtung überdrüssig, wollte nun auch die aufgeklärte Herrschaft privates Wohlbefinden, Commodité, Bienséance und Convenance pflegen und ein harmonisches Einvernehmen mit der Natur erreichen. Nicht von ungefähr entstanden die neuen Lustschlösser auf dem Lande - eingebettet in eine anziehende Naturlandschaft, die den architektonischen und gärtnerischen Gesamtkunstwerken den ihnen gemäßen Rahmen bot.
Pigage beispielsweise gruppierte in Benrath die fünf Schlossbauten - das Hauptgebäude, die beiden Kavaliers- und die Torhäuser - am Rande des weit ausgreifenden Gartens statt um einen barocken Cour d'honneur um einen großen Weiher und zeichnete dessen Form in der sanften Schwingung der Fassaden nach. Dabei war das den Gemächern des kurfürstlichen Paares vorbehaltene zentrale Maison de plaisance - ein eingeschossig wirkender, de facto allerdings viergeschossiger pavillonartiger Bau mit schlichten, den Klassizismus bereits ankündigenden Fassaden - ein wenig in den Garten hineingeschoben, wo eine Staffelung aus barockem Skulpturengarten, lang gestrecktem Spiegelweiher und als Point de vue einem Ulmenhain den künstlerischen wie »natürlichen« Kontext des Gebäudes gewissermaßen komplettierten. Mit dem Spiegelweiher auf der Gartenseite korrespondierte dabei der stadtseitige Schlossteich, mit dem Ehrenkordon der antiken Skulpturen die vornehme Zurückhaltung der den Gästen und dem Personal vorbehaltenen Kavaliershäuser, mit dem fernen Ulmenhain die entlegene Stadt. Wie und von wo immer man den Komplex auch betrachtete, stets wurde die Aufmerksamkeit zurückgelenkt auf sein am Rande eines ausgedehnten Jagdquartiers platziertes eigentliches Zentrum: das kurfürstliche Schloss. Von hier aus definiert sich die Architektur, erklärt sich der Garten.
Nach allen Seiten hin öffnet sich das Schloss über Freitreppen, die
zusammen mit den dreiachsigen, giebelbekrönten Risaliten die Mittelachsen der Fassaden auszeichnen und ihre Symmetrie unterstreichen. Herz des Schlösschens und zugleich Bezugspunkt des gärtnerischen Achsensystems ist ein dem römischen Pantheon verwandter, dreiseitig in den Garten vorspringender Kuppelsaal. Der die gesamte Gebäudehöhe einnehmende Raum mit seiner raffinierten zweischaligen Kuppel feiert die Zweckbestimmung des Schlosses mit dem gemalten Götterhimmel des Düsseldorfer Akademiedirektors Lambert Krahe, seiner Darstellung der Jagdgöttin Diana und der lichtspendenden Göttin Aurora. Je nach Anlass und Bedarf konnte die malerische, durch allerlei Jagdembleme unterstrichene Botschaft auch musikalisch ausformuliert werden, da zwischen die beiden Deckenschalen eine für den Besucher nicht sichtbare Musikempore eingeschoben war.













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