Ein Koloss aus gebackenem Stein
Schon Ricarda Huch hat in ihren viel zitierten "Lebensbildern Mecklenburgischer Städte" in St. Georgen ein "in ungeheuren Maßen angelegte(s) Gebäude" bestaunt. Der vergleichsweise kleine Chor und der den Dachfirst kaum überragende Turm lassen in ihren Augen "den Rumpf des Kolosses desto gewaltiger hervortreten", ein Eindruck, den auch spätere Reisende teilen mochten. Spätestens dann jedoch, wenn die Dichterin die schöne Innenausstattung der Kirche Revue passieren lässt und die Gesamtwirkung des Bauwerks beschreibt, stimmt die Wahrnehmung eines heutigen Besuchers nicht mehr mit der der Dichterin überein.
Jahrzehntelang ohne Dach, ohne die schlanken Türmchen der Querhausgiebel, hat die ohnehin mächtig auslagernde Kirche mit den überaus breiten Seitenschiffen den Charakter eines gestrandeten Ozeandampfers angenommen. Einsam und seltsam verloren schwebte da der schlanke Dachreiter über dem weggebombten Dach, die offenen Fensterhöhlen ließen die Transparenz und das Schimmern der Glasfenster vermissen, die ihrer dekorativen Schmuckgiebel beraubten Anbauten boten keine Attraktion mehr fürs Auge. Was blieb, war eine ebenso gewaltige wie geschundene Baumasse. Gras wuchs auf den Mauerkronen, meterhoch lagen herabgestürzte Bauteile im Langhaus, und die hohen, schlanken Fenster öffneten den Blick in das Zerstörungswerk des Krieges.
© Kirchenbauamt Wismar
Die Konstruktion zum Einwölben
Und doch war die kunst- und architekturgeschichtliche Besonderheit von St. Georgen auch noch an der Ruine ablesbar: Der flache, über alle drei Schiffe geführte Ostschluss des Chores mit seinem zentralen Zwillingsfenster, die weiträumig gestellten Pfeiler, das gewaltige Nordquerhaus wie auch das Fehlen des äußeren Strebewerks unterschieden die Kirche von den "Zwillingskirchen" St. Nikolai und St. Marien. Übereinstimmungen lassen sich diesbezüglich eher mit anderen Kirchen der Region finden, mit Gotteshäusern, die ebenfalls unter dem Patronat des Deutschen Ordens standen: St. Marien in Danzig etwa, St. Georg in Friedland oder St. Johannes in Wormditt, alle drei mit gerade abgeschlossenen Chorlösungen. Der kreuzförmige Grundriss von St. Georgen wiederum bezeugt außerdem eine enge Verwandtschaft mit der Rostocker Marienkirche; auch das Kolossale des Baukörpers findet sich hier wiederholt.
Im Einsatz von Kleeblattbogen- und Rautenfriesen, von schlichten Zweifenstergruppen in den Kappellen und figürlichen Ziegelfriesen, im ebenmäßigen Plattenmaßwerk des Sakristeianbaus wie auch in der Eleganz der einfachen Runddienste und Birnstabprofile verleugnete St. Georgen aber keineswegs die lokale Wismarer Bautradition. Ähnliche Dekorations- und Gestaltungselemente waren in der Stadt bereits erfolgreich erprobt, nicht zuletzt an dem reichen Schmuckgiebel der Nikolaikirche. Solche Übereinstimmungen überraschen umso weniger, wenn man bedenkt, dass Hans Martens und Hermann Münster, die bedeutendsten Baumeister von St. Georgen, auch den beiden anderen Gotteshäusern ihre unverwechselbare Gestalt verliehen hatten.
© H. Volster
Liebevoll werden die Gewölbe wieder instandgesetzt.
Ähnlich wie die Nachbarkirchen rückten die Baumeister auch St. Georgen, ihre jüngste Wismarer Schöpfung, in die mit der Lübecker Marienkirche begonnene Tradition monumentaler norddeutscher Stadtkirchen. Sie versuchten sich in diesem letzten Bau in der langen Reihe spätmittelalterlicher Backsteinkirchen aber an einer Vereinfachung der gotischen Bauformen, wie sie der schlichte, lichtdurchflutete Kolossalbau des Heiligen Georg schließlich so überzeugend darstellen sollte. Das Bauwerk erreichte damit eine formale Eigenständigkeit, die nicht zuletzt auch eine Verpflichtung gegenüber der Baukunst des Deutschen Ordens, der in der entscheidenden Bauphase das Patronat über die Kirche innehatte, widerspiegelte.
Mit der Fertigstellung von St. Georgen im ausgehenden 15. Jahrhundert hatte Wismar für die kommenden Jahrhunderte seine unverwechselbare Silhouette erhalten - eine bewegte Komposition aus Türmen und Dachreitern, die wie Wächter über der Stadt thronen, wie Seezeichen für die Boote draußen auf See.
Der Wiederaufbau – ein Gemeinschaftsprojekt
Das, was jahrzehntelang wie ein Ding der Unmöglichkeit schien, war 1990 mit einem Mal beschlossene Sache: der Wiederaufbau der inzwischen in ihrem Bestand akut gefährdeten Georgenkirche. Dabei konnte das gewaltige Bauprojekt - neben Unterstützung von Stadt, Land und Bund - von Beginn an auch auf zuverlässige private Paten setzen: den bereits 1987 in Lübeck konstituierten, heute mit seiner Hauptstelle in Wismar ansässigen Förderverein für St. Georgen, den 1990 konstituierten Aufbauverein St. Georgen und die Deutsche Stiftung Denkmalschutz, die die Rettung der größten deutschen Backsteinkirche zu einer ihrer wichtigsten Aufgaben erklärt hatte.
Wismar - Stadt der Kirchen
Nach der Beräumung und Sicherung der Baustelle galt die Aufmerksamkeit der zuständigen Architekten und Baumeister seit 1992 vor allem der Substanzsicherung am Bau: der Sicherung und Stabilisierung der Chorwände und -pfeiler und der allmählichen Schließung der baulichen Hülle. Auch den frühneuzeitlichen Wandmalereien, die 40 Jahre lang Wind, Sonne und Regen ungeschützt ausgesetzt gewesen sind, galt es im Zuge der Schließung des Baus ein besonderes Augenmerk zu gewähren, setzte mit der Veränderung des Raumklimas und der Austrocknung des Baus doch eine Wanderung der Salze ein, die die alten Malschichten abzustoßen drohte. Nicht umsonst wird der komplette Baufortschritt bis heute von einem sachkundigen Restaurator begleitet. Noch vorhandene historische Putze, vor allem aber zahlreiche kostbaren Wandmalereien konnten so gerettet und sorgfältig dokumentiert werden.
Heute, wo das Ende der Bauarbeiten schon vorstellbar ist, wo durch die neu eingezogenen Gewölbe der Innenraum in seinen Konturen wiederentstanden ist, diskutieren die Experten im Wissenschaftlichen Beirat von St. Georgen unter der Leitung von Prof. Gottfried Kiesow unter anderem noch darüber, ob die Moderne den verschiedenen spätmittelalterlichen Bauphasen nicht eine weitere hinzufügen und den charakteristischen gedrungenen Turm von St. Georgen um ein Fenstergeschoss erhöhen sollte. Auch über die zukünftige Nutzung werden sachkundig und ambitioniert die Meinungen ausgetauscht.
Dass all das möglich ist, kann einen jeden beruhigen, der sich um St. Georgen gesorgt hat, zeigt dieser Prozess doch nicht mehr und nicht weniger, als dass dank des breiten öffentlichen und privaten Engagements in den vergangenen Jahren das Wesentliche bereits geleistet worden ist: die Sicherung des akut gefährdeten Baubestandes von St. Georgen. Spendengelder in Höhe von mehreren Millionen Euro stellte die Deutsche Stiftung Denkmalschutz für das ambitionierte Projekt bereit, zwei Stiftungen in ihrer treuhänderischen Verwaltung haben sich der Instandsetzung und dem dauerhaften baulichen Unterhalt von St. Georgen verschrieben. Fünfzehn Jahre nach Beginn des Wiederaufbaus bezifferte der Vorsitzende der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, Prof. Gottfried Kiesow, den gesamten Finanzbedarf bis zur endgültigen Fertigstellung des Bauwerks auf rund 37 Millionen Euro. So mancher "beste Rock" muss wohl noch gespendet werden, bevor St. Georgen wieder der ursprünglichen Bestimmung übergeben werden kann.
Dr. Ingrid Scheurmann
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