Engagement der Bürger und dichte Dächer sind die Zauberworte, die Kirchen retten. Für das Seelenheil zu beten, um einen Platz im Himmel zu erwerben, war Gläubigen schon immer ein Bedürfnis. Für die Kirche, genauer für das Gebäude und die Ausstattung zu stiften, um schon im Diesseits ein schützendes "Dach über dem Kopf" zu haben, hängt damit unverbrüchlich zusammen. Gerade in den heutigen Zeiten, in denen das Geld der Kirchengemeinden immer knapper wird, ist die Hilfe der Bürger wieder sehr gefragt.
Zauberworte, die Kirchen retten
Von undichten Dächern und Bürgerengagement
Wer sich dieser verdienstvollen Aufgabe widmet, weiß, dass die dringendste Sorge den Kirchendächern gilt. Ist das Dach dicht, der Dachstuhl gesichert, dann ist das Gotteshaus erst einmal geschützt und der Verfall gebremst. Dann kann man sich der weiteren Restaurierung zuwenden. Doch gerade Dachstühle und die oftmals großen Dachflächen zählen mit zu den umfangreichsten und aufwendigsten Maßnahmen bei der Denkmalpflege.
Am Beispiel von zwei Kirchen, der großen Stadtkirche St. Stephan in Tangermünde, Sachsen-Anhalt, und der Dorfkirche im sächsischen Nieder Seifersdorf, schildern wir Ihnen die vorbildlichen Bemühungen von Bürgern, die sich der Rettung dieser Gotteshäuser verschrieben haben.
Nicht üppig, aber erlesen
Auf den ersten Blick sieht die Stephanskirche in Tangermünde gut aus. Weithin sichtbar erheben sich über die niedrigen Fachwerkhäuser aus dem 17. und 18. Jahrhundert die wuchtige Doppelturmfassade und das massige Kirchendach der gotischen Backsteinkirche. Eingekuschelt in die fast vollständig erhaltene Stadtmauer liegt der kleine Ort malerisch oberhalb der Mündung des Flüsschens Tanger in die Elbe.
Auch das Innere der sechsjochigen Hallenkirche mit Umgangschor, 1980-83 umfassend restauriert, scheint ebenfalls noch gut in Schuss zu sein. Die weiß verputzten Wände und Pfeiler spielen ein beschwingtes, wenn auch etwas kühles Duett mit den ochsenblutrot und grau gefärbten Rippen des Gewölbes.
Die Ausstattung der Kirche ist nicht üppig, aber erlesen. Beim Eintritt zieht noch vor dem dreigeschossigen barocken Hochaltar die steinerne Kanzel von 1619 mit ihrem manieristisch-bewegten Figurenschmuck den Blick auf sich. Ihr gegenüber erstreckt sich an der Nordwand eine hölzerne Empore, deren 54 Brüstungsfelder mit biblischen Szenen bemalt sind. Wer sich für christliche Ikonografie des Frühbarock interessiert, kann an ihnen sein Wissen erproben und es anhand der Legende überprüfen. Ein instrumentaler Kunstgenuss präsentiert sich im Westen der Kirche: die 1624 von Hans Scherer d. J. aus Hamburg gebaute Orgel. Da die Hälfte der über 2.100 Orgelpfeifen original erhalten ist, kann man seit der Restaurierung 1994 bei den regelmäßigen Konzerten in der Stephanskirche das einmalige Klangbild Scherers wieder hören.
Angesichts des überschaubaren Städtchens, das heute knapp 10.000 Einwohner zählt, fragt man sich, warum die Tangermünder im 14. Jahrhundert eine so imposante Backsteinkirche gebaut haben. Die Geschichte erklärt es: Tangermünde war damals nicht nur eine wichtige Hansestadt, sondern auch Nebenresidenz während der Regierung Kaiser Karls IV. (1373-1378). Der Ort lag günstig an einem Elbübergang und an der Handelsstraße von Magdeburg über Stendal und Salzwedel nach Lüneburg. Hier wurden vorwiegend die Grundnahrungsmittel Getreide und Bier sowie Tuche umgeschlagen.
Als man um 1376 mit dem Umbau der romanischen Basilika zur gotischen Hallenkirche begann, erwies sich dies als ein ehrgeiziges und langwieriges Bauvorhaben in schwierigen Zeiten: Um 1400 stellte man das Langhaus fertig. Einhundert Jahre später wurde der Kirchenbau abgeschlossen. Während dieser Zeit verlor nicht nur das europäische Handelsnetz der Hanse an Bedeutung, sondern auch der Nachfolger Karls IV. bereitete Tangermünde Probleme. Kaiser Sigismund belehnte 1415 die Hohenzollern mit der Mark Brandenburg. Schon bald entbrannte mit den altmärkischen Städten ein heftiger Streit um die Biersteuer, in dessen Verlauf die Tangermünder 1473 sogar vom Turm der Stephanskirche - mit 87 Metern der höchste in der Altmark - die benachbarte Burg beschossen haben sollen. Kurfürst Johann Cicero löste das Problem, indem er 1488 die Residenz nach Berlin-Cölln verlegte. Er sprach Tangermünde die Privilegien ab, und somit verlor die Stadt ihre Selbstständigkeit. Der unvollendete Südturm von St. Stephan zeugt anschaulich von dem wirtschaftlichen und politischen Rückgang.
1617 wütete ein verheerender Brand in der Stadt. Auch die Stephanskirche wurde von den Flammen erfasst. Das Dach konnte zwar gerettet werden, aber die mittelalterliche Ausstattung wurde weitgehend zerstört. Ebenso wie der nördliche Kirchturm, der erst 1712 mit der welschen Haube wieder eine Spitze erhielt. Das grausame Schicksal der vermeintlichen Brandstifterin Grete Minde bewegte später nicht nur Theodor Fontane. Trotz der schlimmen Zeiten im Dreißigjährigen Krieg - allein 14mal war Tangermünde Truppenhauptquartier - stifteten die Bürger die neue kostbare Ausstattung für ihre Pfarrkirche.













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